Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es zwar nicht, doch ein genauer Blick auf Fundamentaldaten, Bewertungen und andere Einflussfaktoren legt nahe, dass der aktuelle Aufschwung europäischer Aktien – sowohl in absoluter als auch in relativer Hinsicht – kein Zufallsprodukt ist.
Unsicherheit durch Trumps Politik
Nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus haben seine aggressive Handelspolitik und die damit verbundene Unsicherheit viele Anlegerinnen und Anleger verschreckt. Bereits im April sorgte die umfassende Neuausrichtung der US-Zollpolitik für deutliche Turbulenzen an den Märkten und erhöhte die Volatilität spürbar. Zusätzlich schürt Trumps geplanter Haushalt Ängste vor einer steigenden Inflation und langfristig höheren Zinsen. Der Entwurf sieht in den kommenden Jahren ein Defizit von über 3,3 Bio. US-Dollar1 vor. Die unklaren wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen lassen die Risikoprämien für US-Aktien steigen und mindern ihre Attraktivität im internationalen Vergleich. Im Gegensatz dazu erscheinen die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa derzeit stabiler und kalkulierbarer – ein Umfeld, das aktuell von vielen Anlegerinnen und Anlegern bevorzugt wird.
Wenigstens hat sich das Damoklesschwert der sogenannten „Rachesteuer“ in Luft aufgelöst. Die umstrittene Section 899, die als Reaktion auf vermeintlich „unfaire ausländische Steuern“ eine Strafsteuer auf bestimmte ausländische Investitionen in den USA vorsah, soll auf Empfehlung des US-Finanzministeriums aus dem Gesetzesvorschlag entfernt werden. Zuvor kam es zwischen den G7-Mitgliedsstaaten zu einer Einigung und verschiedenen US-Konzernen wurde eine Ausnahme von der globalen Mindeststeuer von 15 % gewährt. Dieser Schritt stellt die steuerliche Planungssicherheit bei Investments in den USA zumindest wieder her.
Lockerere Zinspolitik
Der spürbare Inflationsrückgang der vergangenen zwei Jahre hat der Europäischen Zentralbank den nötigen Spielraum verschafft, ihre Geldpolitik zu lockern. Seit Anfang 2024 hat sie die Leitzinsen siebenmal um jeweils 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Der Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft liegt derzeit bei 2,15 %, der Einlagenzins bei 2,00 %. Im Gegensatz dazu verharrt der US-Leitzins seit dem 18. Dezember 2024 in einer Spanne von 4,25 % bis 4,50 %. Damit sind die geldpolitischen Rahmenbedingungen in Europa inzwischen deutlich expansiver als in den USA.
Diese Lockerung wirkt sich positiv auf die europäischen Aktienmärkte aus. Niedrigere Zinsen senken die Finanzierungskosten für Unternehmen, erhöhen tendenziell die Investitionsbereitschaft und machen Aktien als Anlageklasse im Vergleich zu festverzinslichen Wertpapieren attraktiver. Gleichzeitig stützen sinkende Zinsen die Binnenkonjunktur, was insbesondere zyklischen Branchen wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau, der Bauwirtschaft oder dem Einzelhandel zugutekommen kann.
Kurswechsel in Europa
Die wachsende Bedrohung durch Russland sowie die zunehmend ambivalente Haltung der USA in sicherheitspolitischen Fragen haben in Europa ein Umdenken ausgelöst. Politische Entscheidungsträger reagieren darauf mit einer aktiveren Fiskalpolitik, um die Souveränität und Widerstandsfähigkeit Europas zu stärken. Die diesjährigen Wahlen in Deutschland spiegeln einen Stimmungsumschwung wider, der sich in vielen Teilen Europas zeigt. Höhere Staatsausgaben und eine lockerere Schuldenpolitik finden breite Zustimmung, insbesondere um die Herausforderungen in den Bereichen Verteidigung, Energieversorgung und nationale Sicherheit zu bewältigen.
Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist in den kommenden zwei Jahren mit einem deutlichen fiskalischen Impuls zu rechnen. Für Deutschland erwartet der IWF eine konjunkturstützende Wirkung in Höhe von 1,6 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP), für Frankreich von 0,8 %. In den USA hingegen prognostiziert der IWF für denselben Zeitraum eine fiskalpolitische Belastung von -1,4 % des BIP.2
Sowohl die geld- als auch die fiskalpolitische Unterstützung sprechen dafür, dass das relative BIP-Wachstum Europas im Vergleich zu den USA in den kommenden Monaten zunehmen könnte. Wo die Wirtschaft wächst, steigen in der Regel auch die Unternehmensgewinne. Nach einem schwierigen Jahr 2024, in dem die Gewinne europäischer Unternehmen – gemessen am MSCI Europe – rückläufig waren, zeigt sich nun eine Trendwende. Analystinnen und Analysten blicken wieder optimistischer in die Zukunft und rechnen für dieses und das kommende Jahr mit einem zweistelligen Gewinnwachstum.
In den USA hingegen trübt sich der Ausblick etwas ein. Die Gewinnschätzungen für den S&P 500 im Jahr 2025 wurden zuletzt nach unten korrigiert. Laut aktuellen Daten von FactSet wird für das Gesamtjahr ein Gewinnzuwachs von 9,0 % erwartet.3
Bewertungen und Dividenden sprechen für Europa
Die Fundamentaldaten sprechen ebenfalls für europäische Aktien. So liegt das Kurs- Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 derzeit bei rund 26, während der STOXX Europe 600 mit einem Wert von etwa 17 deutlich günstiger bewertet ist.4
Hinzu kommen solide Ertragschancen. Europäische Aktien bieten nicht nur eine höhere durchschnittliche Dividendenrendite als ihre Pendants aus den USA, sondern auch eine breitere Basis an dividendenstarken Unternehmen. In einem Umfeld nachlassender globaler Wachstumsdynamik könnten solche Erträge für viele Anlegerinnen und Anleger an Bedeutung gewinnen.
Ein Großteil der fiskalpolitischen Impulse Europas werden auf Ausgaben in den Bereichen Verteidigung und Sicherheit entfallen. Vor dem Hintergrund moderner Kriegsführung bedeutet das Ausgaben für intelligente Waffen und Lösungen für nationale Sicherheitssysteme, die von Technologieunternehmen angeboten werden. Europa dürfte außerdem weiterhin stark in Energieinfrastruktur investieren, darunter auch in Speicher- und Übertragungslösungen. Und wie bereits festgestellt, dürften Unternehmen mit hohen und nachhaltigen Dividenden gefragt sein, wie es sie im Sektor Basiskonsumgüter gibt.“
Was heißt das für Anlegerinnen und Anleger?
Die aktuelle Entwicklung bedeutet jedoch nicht, dass Anlegerinnen und Anleger ihr gesamtes Kapital nach Europa umschichten sollten. Die USA sind in vielen Bereichen – allen voran Technologie und Innovation – nach wie vor weltweit führend. Gerade bei Zukunftsthemen wie Künstlicher Intelligenz, Cloud Computing und Halbleitern sind US-Unternehmen tonangebend und tätigen hohe Investitionen, um diese Führungsposition zu behalten. Wer an diesen Wachstumstrends teilhaben möchte, kommt an US-Titeln kaum vorbei.
Gleichzeitig kann es sich aber lohnen, die eigene Portfolioausrichtung zu hinterfragen. Europas Aktienmärkte bieten aktuell nicht nur attraktive Bewertungen und solide Dividenden, sondern profitieren auch von einem geld- und fiskalpolitischen Rückenwind. Ein gezielter Anteil europäischer Titel kann das Portfolio breiter aufstellen und die Abhängigkeit von einzelnen Märkten oder Sektoren reduzieren. Gerade in einem unsicheren geopolitischen Umfeld ist Diversifikation ein entscheidender Faktor für den langfristigen Anlageerfolg.
Dabei ist es wichtig, die Risiken nicht aus den Augen zu verlieren. Die Entwicklungen im März und April haben deutlich gezeigt, wie sensibel die Märkte auf plötzliche Unsicherheiten reagieren können. Weltweit gaben die Aktienkurse nach, sobald geopolitische Spannungen oder neue Handelskonflikte aufkamen. Insbesondere in einem fragilen weltwirtschaftlichen Umfeld stellen solche Faktoren auch weiterhin erhebliche Risiken dar.
Darüber hinaus könnten die globalen Aktienmärkte durch einen erneuten Anstieg der langfristigen Anleiherenditen unter Druck geraten. Treiber dieses Zinsauftriebs sind unter anderem die fiskalische Expansion in Europa, das anhaltend hohe Haushaltsdefizit der USA sowie die hohe Inflation in Japan. Für europäische Unternehmen kommt hinzu, dass ihre Gewinne stark vom globalen Umfeld abhängen. Eine deutliche Schwäche des US-Dollars – und damit eine Aufwertung des Euro – würde ihre Exportchancen verschlechtern und im Ausland erzielte Gewinne in der Bilanz geringer erscheinen lassen. Diese Effekte lassen sich nur bedingt durch sinkende Importkosten kompensieren.
Fazit:
Europäische Aktien sind so attraktiv wie seit Jahren nicht mehr. Aus geopolitischer Sicht sowie unter geld- und fiskalpolitischen und fundamentalen Gesichtspunkten spricht derzeit vieles für eine Fortsetzung ihrer relativen Stärke gegenüber US-Titeln. Auch wenn eine Outperformance nicht garantiert ist, hat sich das Chance-Risiko- Profil Europas spürbar verbessert.
Für Anlegerinnen und Anleger ist dies ein guter Anlass, die Zusammensetzung ihres Portfolios zu überdenken. Eine breitere geografische Streuung, die gezielte Engagements in europäischen Aktien umfasst, kann nicht nur von aktuellen Trends profitieren, sondern dient vor allem der langfristigen Risikoreduzierung.
Quellen:
- Quelle: Reuters (https://www.reuters.com/markets/equity-investors-seeking-clarity-should-be-careful-what-they-wish-klement-2025-06-23)
- Quellen: „Fiscal Policy Under Uncertainty.“ Fiscal Monitor des IWF. April 2025. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen.
- Quellen: FactSet, MSCI, Schätzungen von FactSet. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen. 4 Quelle: iShares (https://www.ishares.com/de/privatanleger/de/produkte/251931/, https://www.ishares.com/de/privatanleger/de/produkte/253743/)
