AUTOREN

Dina Ting, CFA
Head of Global Index Portfolio Management
Franklin Templeton Investment Solutions

Marcus Weyerer, CFA
Director of ETF Investment Strategy
Franklin Templeton ETFs
Bei Anlagen im Bereich KI verlagert sich der Fokus zunehmend von Unternehmen, die künstliche Intelligenz entwickeln, hin zu solchen, die deren breite Anwendung ermöglichen. Bevor KI jedoch zu umfassenden Produktivitätssteigerungen führen kann, müssen enorme Investitionen in Halbleiter, Speicher, Strom, Rechenzentren und die digitale Infrastruktur getätigt werden. Mit anderen Worten: Der Weg in eine Phase des Überflusses ist vorerst noch von Knappheit geprägt. Angesichts der steigenden Investitionsausgaben in diesen Engpassbereichen ist das Spektrum an Anlagemöglichkeiten größer als vielen Anlegern bewusst ist.
Im ersten Halbjahr 2026 erzielte der S&P 500 Index eine Rendite von rund 10 %.1 Die weitaus bedeutendere Entwicklung könnte jedoch darin liegen, welche Bereiche die Spitzenpositionen einnahmen. Mehrere internationale Märkte – darunter Südkorea, Taiwan, Japan und Brasilien – erzielten eine bessere Wertentwicklung als der S&P 500. Die Gründe dafür waren jedoch sehr unterschiedlich. Aus unserer Sicht wird die zweite Jahreshälfte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so sehr davon geprägt sein, ob KI weiterhin relevant bleibt, sondern vielmehr davon, wer als Nächstes davon profitiert.
Der Fokus der Anleger hat sich von den Hyperscalern, die KI-Anwendungen entwickeln, auf die Lieferanten grundlegender Infrastrukturkomponenten verlagert, die diese Anwendungen überhaupt erst möglich machen. Dies deutet für uns eher auf eine zunehmende Reife als auf ein Abklingen des Themas hin. Diese Veränderung spiegelt sich auch in der Positionierung der Anleger wider. Bis Anfang Juli verzeichneten auf Südkorea und Taiwan ausgerichtete börsengehandelte Aktienfonds (ETFs) Nettozuflüsse in Höhe von mehr als 240 % bzw. fast 20 % des zu Jahresbeginn verwalteten Vermögens. Dies unterstreicht das zunehmende Interesse an KI-Infrastruktur und -Hardware im Vergleich zur Entwicklung von Modellen.2
Selbstverständlich können wir die Frage nachvollziehen, ob die aktuelle KI-Rally nicht vielleicht Parallelen zum Internetboom der späten 1990er-Jahre aufweist. Aus unserer Sicht hinkt dieser Vergleich jedoch. Zweifellos gibt es auch heute spekulative Tendenzen. Doch die heutigen Marktführer im Bereich der künstlichen Intelligenz stützen sich auf solidere Erträge, etabliertere Geschäftsmodelle und in vielen Fällen auch angemessenere Bewertungen als die Marktführer der Dotcom-Ära. Ein Vergleich der Zeitabläufe zeigt, dass die aktuelle Rally sowohl in ihrer Dauer als auch in ihrem Ausmaß deutlich moderater ist als die Entwicklung des Zyklus der späten 1990er Jahre zum entsprechenden Zeitpunkt.
Viele der damals am meisten gehypten Unternehmen konnten weder Profitabilität noch Cashflow oder nachhaltige Wettbewerbsvorteile vorweisen. Im Gegensatz dazu agieren viele der heutigen Marktführer auf mehreren Ebenen des Ökosystems, beispielsweise in den Bereichen Halbleiter, Cloud-Infrastruktur, Softwareplattformen und proprietäre Daten. Das kann ihnen dabei helfen, ihre Preissetzungsmacht und ihre Margen deutlich länger zu bewahren. Die für künstliche Intelligenz erforderliche Infrastruktur ist zudem außerordentlich kapitalintensiv, was zu höheren wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteilen und Markteintrittsbarrieren führt als in vielen früheren Technologiezyklen.
Der KI-Boom ist noch immer weit von der Dotcom-Blase entfernt
Im Jahr 2026 hat der S&P 500 Index weniger als zwei Drittel seiner Rally aus den späten 1990er Jahren hinter sich

Quellen: Bloomberg, Global ETF Investment Strategy. Stand: Mai 2026.
Folgen für das Portfolio
Das Thema „KI-Investitionen” beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Land. Ein Verständnis der geografischen Struktur kann ebenso wichtig sein wie die Dimensionierung des Themas selbst. Taiwan spielt in der Herstellung hochentwickelter Halbleiter nach wie vor eine zentrale Rolle, während Südkorea und Japan auf ihre jeweilige Weise ebenfalls unverzichtbar sind. Jedes Land ist auf einer anderen Ebene innerhalb der KI-Wertschöpfungskette und des KI-Ökosystems angesiedelt. Diese Differenzierung wird durch ETF-Zuflüsse untermauert. Obwohl Asien in diesem Jahr insgesamt Nettoabflüsse verzeichnet hat, sind diese hauptsächlich auf Abflüsse aus China zurückzuführen.
Hinzu kommt, dass sich die Bewertungsunterschiede zwischen den USA und den internationalen Märkten inzwischen kaum noch ignorieren lassen. Obwohl der S&P 500 im Jahr 2026 Kursgewinne verzeichnet hat, wird er derzeit mit etwa dem 22-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt. Der europäische Markt hingegen liegt bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 16.3 Diese Diskrepanz in Verbindung mit verbesserten Gewinnerwartungen eröffnet internationalen Märkten die Möglichkeit, die Bewertungslücke zu verringern.
Diese regionalen Unterschiede werden durch die auseinanderlaufende Geldpolitik verstärkt. Während einige Zentralbanken ihre Geldpolitik weiter straffen, haben andere eine Pause eingelegt oder bereits mit Lockerungen begonnen. Dies führt zu immer unterschiedlicheren makroökonomischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern.
Globale Zentralbankpolitik: Von Synchronisierung zu Divergenz

Quellen: Bloomberg WIRP (World Interest Rate Probabilities), Reuters-Umfragen unter Ökonomen sowie Zentralbankerklärungen (Federal Reserve, Europäische Zentralbank, Bank of Japan, Bank of Korea, Reserve Bank of India, Zentralbank der Republik China [Taiwan], People’s Bank of China, Banco Central do Brasil). RRR ist eine Art von Bankvorschrift und steht für „Reserve Requirement Ratio“ (Mindestreservesatz). Konsensschätzungen per 30. Juni 2026. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen.
Da die synchronisierte Geldpolitik zunehmend von länderspezifischen Zyklen abgelöst wird, können sich für Anleger durch gezielte Allokationen größere Chancen ergeben als durch ein breit gefächertes geografisches Engagement.
China
China hat sich im ersten Halbjahr weiterhin unterdurchschnittlich entwickelt und einen Rückgang von über 13 % verzeichnet. Grund dafür war die weiterhin verhaltene Inlandsnachfrage und die anhaltende Belastung der Marktstimmung durch den Immobiliensektor. Dennoch wird der Markt derzeit auf Basis der erwarteten Gewinne mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 11,4 gehandelt – deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt4. Das deutet darauf hin, dass erhebliche wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten bereits in den Bewertungen berücksichtigt sind.
Wichtig ist, dass sich die Anlageargumente über reine Bewertungskriterien hinaus weiterentwickeln. China lenkt nach wie vor Kapital in die Bereiche fortschrittliche Fertigung, künstliche Intelligenz, Halbleiter und strategische Technologien. Gleichzeitig baut das Land seine Investitionen in wissenschaftliche Forschung und Hochschulbildung aus. Inzwischen bringt das Land jährlich deutlich mehr Absolventinnen und Absolventen in den MINT-Fächern hervor als die USA. Zudem hat es sich zu einem der weltweit führenden Standorte für wissenschaftliche Spitzenforschung entwickelt. Obwohl geopolitische Spannungen nach wie vor ein bedeutendes Risiko darstellen, scheinen die aktuellen Bewertungen zunehmend von Chinas Innovationspotenzial losgelöst zu sein. Für langfristig orientierte Anleger, die bereit sind, über kurzfristige Schlagzeilen hinauszublicken, halten wir das Risiko-Rendite-Profil für durchaus attraktiv.
Brasilien
Der brasilianische Aktienindex, der sich durch eine ganz andere Branchenzusammensetzung auszeichnet, erzielte im ersten Halbjahr 2026 eine Rendite von 13,3 % und übertraf damit den S&P 500. Die Bereiche Finanzen, Rohstoffe und Energie trugen maßgeblich zur Stärke des Marktes bei und verdeutlichen, dass sich die Marktführerschaft von der KI-Infrastruktur zunehmend auf zyklischere und stärker substanzorientierte Branchen ausweitet. Da die Inflationsdaten für Juni leicht unter den Erwartungen lagen, rechnen die Märkte mit einem größeren Spielraum für weitere geldpolitische Lockerungen im weiteren Jahresverlauf. Dies könnte die Binnennachfrage und stärker zinssensitive Sektoren zusätzlich unterstützen. Auch wenn die fiskalische Disziplin weiterhin ein wichtiger Aspekt ist, den es zu beobachten gilt, könnte die Kombination aus attraktiven Bewertungen und zyklischen Rückenwinden Brasilien weiterhin von anderen Schwellenländern abheben.
Indien
Indiens Entwicklung im ersten Halbjahr war eher durchwachsen, und aufgrund der hohen Marktbewertung ist der Spielraum für Enttäuschungen geringer. Die langfristigen strukturellen Perspektiven des Landes bleiben jedoch intakt. Gestützt werden sie durch eine vorteilhafte demografische Entwicklung, den Ausbau der digitalen Infrastruktur und anhaltende Investitionen im verarbeitenden Gewerbe. Die Entwicklung der einzelnen Sektoren verlief seit Jahresbeginn uneinheitlich: Die Bereiche Versorgung, Industrie und Gesundheitswesen leisteten einen positiven Beitrag, während die Sektoren Informationstechnologie und Energie sich negativ auswirkten.
Nach mehreren Jahren mit einer führenden Marktposition zählt Indien nach wie vor zu den teureren Schwellenländern. Die fortlaufende Entwicklung der Infrastruktur stärkt die Position des Landes innerhalb der globalen Lieferketten, und der Internationale Währungsfonds prognostiziert weiterhin, dass Indien zu den am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften der Welt gehören wird. Für das Jahr 2026 wird ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 6,4 % erwartet.5
Asien: Der Bereich der KI-Infrastruktur weitet sich aus
Asien spielt auch in der nächsten Phase des KI-Investitionszyklus weiterhin eine zentrale Rolle, doch die Situation ist inzwischen vielschichtiger geworden. Der Ratschlag „Halbleiter kaufen“ alleine ist nicht mehr ausreichend. Während Technologien im Bereich der künstlichen Intelligenz nach wie vor die Renditen dominieren, deutet die Entwicklung im ersten Halbjahr darauf hin, dass sich die Vorteile zunehmend auch auf angrenzende Branchen und die heimischen Volkswirtschaften ausweiten.
Der breiter gefasste Markt in Taiwan verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 einen Anstieg von fast 70 %, der überwiegend vom Technologiesektor getragen wurde. Auf diesen entfielen rund drei Viertel der Indexgewichtung sowie der überwiegende Teil der absoluten Renditen.6 Auch der Finanzsektor leistete einen positiven Beitrag, während die Bereiche Basiskonsumgüter und Versorgung moderate Zuwächse verzeichneten. Dies deutet darauf hin, dass KI-getriebene Investitionen zunehmend über die Halbleiterfertigung hinaus breitere wirtschaftliche Impulse setzen.
Südkorea war mit einer Rendite von 101 % im ersten Halbjahr der Spitzenreiter. Der IT-Sektor leistete mit weitem Abstand den größten Beitrag. Doch auch die Sektoren Industrie und zyklische Konsumgüter verzeichneten deutliche Zuwächse, da sich die Investitionen in die KI-Infrastruktur über Speicherchips hinaus auf Fertigungsanlagen, Automatisierung und die gesamte Lieferkette ausweiteten. Die jüngste Begeisterung der Anleger für das südkoreanische Technologie-Ökosystem, die sich unter anderem in der außergewöhnlich hohen Nachfrage nach dem US-Börsengang eines führenden Speicherchip-Unternehmens zeigt, unterstreicht die anhaltende Zuversicht, dass sich der Ausbau der KI-Infrastruktur weiterhin in einer frühen Phase befindet.
Die Erfahrungen Japans verdeutlichen eine andere Form der Marktausweitung. Der Markt erzielte eine Rendite von rund 15 %. Die Gewinne waren dabei jedoch auf die Sektoren Finanzwesen, Industrie, Rohstoffe und Technologie verteilt und nicht auf einen einzelnen Sektor konzentriert. Aus unserer Sicht spiegelt dies nicht nur KI-bezogene Investitionen wider, sondern auch die anhaltenden Effekte von Corporate-Governance-Reformen, aktionärsfreundlichen Maßnahmen und erneuten Investitionen in fortschrittliche Fertigungstechnologien. In der Summe verdeutlichen diese Märkte, dass die nächste Phase der KI weniger von einigen wenigen Technologieführern als vielmehr von einem zunehmend globalen Ökosystem von Unternehmen geprägt sein dürfte, die die zugrunde liegende Infrastruktur entwickeln, betreiben und ermöglichen.
Fußnoten
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Quelle: Bloomberg, 1. Juli 2026. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftigen Renditen. Indizes werden nicht gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge sind in Indizes nicht berücksichtigt.
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Quelle: Bloomberg, 6. Juli 2026.
- Quelle: Bloomberg, 8. Juli 2026. S&P 500 Index und STOXX Europe 600 Kursindex.
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Quellen: MSCI China Index, Bloomberg. 10. Juli 2026.
- Quelle: Aktualisierter Weltwirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds. 8. Juli 2026. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen.
- Quelle: Bloomberg. Stand: 30. Juni 2026.
WO LIEGEN DIE RISIKEN?
Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Verlusts des Anlagekapitals. Beteiligungspapiere unterliegen Kursschwankungen und sind mit dem Risiko des Kapitalverlusts verbunden.
ETFs werden wie Aktien gehandelt. Ihr Marktwert schwankt, und sie können zu Kursen gehandelt werden, die über oder unter ihrem Nettoinventarwert liegen. Brokerprovisionen und ETF-Gebühren schmälern die Renditen. ETF-Anteile können während der Öffnungszeit der Börse, an der sie notiert sind, zu ihrem Marktpreis gekauft oder verkauft werden. Es kann jedoch nicht garantiert werden, dass ein aktiver Markt für den Handel mit ETF-Anteilen entsteht oder bestehen bleibt oder dass ihre Notierung fortgeführt wird oder unverändert bleibt. ETF-Anteile können zwar an Sekundärmärkten gehandelt werden, werden jedoch eventuell nicht unter allen Marktbedingungen prompt gehandelt und können in Zeiten von Marktstörungen zu erheblichen Abschlägen gehandelt werden.
Für aktiv verwaltete ETFs besteht keine Garantie, dass die Anlageentscheidungen des Fondsmanagements zu den gewünschten Ergebnissen führen werden.
Internationale Anlagen sind mit besonderen Risiken verbunden. Hierzu gehören Währungsschwankungen sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Unsicherheiten, die zu erhöhter Volatilität führen können. Diese Risiken sind in den Schwellenländern noch größer.
Anlagestrategien, die darin bestehen, thematische Anlagechancen zu identifizieren, und ihre Wertentwicklung können beeinträchtigt werden, wenn der Anlageverwalter die tatsächlichen Chancen nicht erkennt oder wenn sich das Thema auf nicht erwartete Weise entwickelt. Die Konzentration von Anlagen auf die Sektoren Gesundheitswesen, Informationstechnologie (IT) und/oder technologiebezogene Branchen birgt viel größere Risiken im Zusammenhang mit ungünstigen Entwicklungen und Kursbewegungen in diesen Branchen als eine Strategie, mit der in ein breiteres Spektrum von Branchen investiert wird.
Alle Unternehmen und/oder Fallstudien im vorliegenden Dokument dienen lediglich der Veranschaulichung. Eine entsprechende Anlage wird derzeit nicht unbedingt in einem von Franklin Templeton empfohlenen Portfolio gehalten. Die bereitgestellten Informationen stellen weder eine Empfehlung noch eine individuelle Anlageberatung in Bezug auf bestimmte Wertpapiere, Strategien oder Anlageprodukte dar und sind kein Hinweis auf Handelsabsichten für ein durch Franklin Templeton verwaltetes Portfolio.
WF: 11544559
