AUTOREN

Dina Ting, CFA
Senior Vice President, Head of Index Investments,
Franklin Templeton Investment Solutions
Aufgrund seiner führenden Stellung in der Chipfertigung ist Taiwan eine fokussierte und äußerst überzeugende Wette auf die Nachfrage nach Infrastruktur für künstliche Intelligenz (KI), auch „Foundational Trade“ genannt. Doch das wirft eine unbequeme Frage auf: Was geschieht, wenn die Welt beginnt, ihre Investitionsausgaben (Capex) zurückzufahren?
Das ist eine berechtigte Sorge. Die laufenden Investitionen in KI sind enorm. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich Anleger fragen, ob die Renditen den Aufwand rechtfertigen werden – insbesondere angesichts neuer Schlagzeilen, die die Risiken von KI thematisieren und die Unsicherheit zusätzlich verstärken. Die gestiegenen Renditen von US-Staatsanleihen haben eine traditionelle Marktdisziplin wiederhergestellt: Kapital ist mit Kosten verbunden und zukünftige Erträge haben heute einen geringeren Wert.
Während die USA nach wie vor das Zentrum der Entwicklung von KI-Modellen bilden, konzentriert sich Taiwan auf die fortschrittliche Chipherstellung, das Packaging sowie das Zulieferer-Ökosystem, das die KI-Ambitionen in konkrete physische Kapazitäten umsetzt. Zwei der zentralen Fragen im Zusammenhang mit dem Investmentthema Taiwan lauten: Sind die letztendlichen Ergebnisse im Bereich KI ungewiss? (Ja, das sind sie.) Und: Ist die Nachfrage nach KI-Infrastruktur ungewiss? (Das ist weniger der Fall.)
Trotz zunehmender Skepsis gegenüber KI hat sich das Umsatzwachstum der taiwanesischen Halbleiterbranche (IC-Branche) beschleunigt. Diese bildet das Ökosystem für die Herstellung der winzigen elektronischen „Gehirne“ in Computern, Smartphones, Autos, Rechenzentren und KI-Systemen. Dies ist ein Signal, das Beachtung verdient: Die Unsicherheit darüber, wer im KI-Bereich letztendlich als Gewinner hervorgehen wird, beeinträchtigt die Nachfrage nach Unternehmen, die die zugrunde liegende Infrastruktur bereitstellen, nicht.
Nachdem die taiwanesische IC-Branche 2023 einen Umsatzrückgang von 10 % hinnehmen musste, erholten sich die weltweiten Halbleiterumsätze im Jahr 2024 um rund 22 % und im Jahr 2025 um fast 23 %. Laut Prognosen des taiwanesischen Halbleiterindustrieverbands (TSIA) sollen sie im Jahr 2026 um etwa 41 % wachsen.1
Wichtig ist, dass die Transparenz der Nachfrage weit über die nächsten paar Quartale hinausreicht. Ein Hinweis auf diesen längerfristigen Nachfragehorizont kommt vom größten Halbleiterhersteller Taiwans. Dieser hat mitgeteilt, dass die Zusammenarbeit mit Kunden bei immer komplexeren Spitzentechnologien inzwischen mindestens zwei bis drei Jahre im Voraus beginnt, wodurch das Unternehmen Einblick in die mehrjährigen Produkt- und Produktionspläne seiner Kunden erhält.2
Taiwans Halbleiterumsätze erholen sich nach dem Einbruch im Jahr 2023 kräftig
Umsatzwachstum der taiwanesischen Halbleiterbranche
2020 bis 2026P

Hinweis: Das Umsatzwachstum bezieht sich auf das weltweite Umsatzwachstum der taiwanesischen Halbleiterindustrie. Quelle: Taiwan Semiconductor Industry Association. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen.
Das nächste spannende Kapitel Taiwans könnte sich außerhalb der Halbleiterfabriken abspielen
Ein starker Exportboom wirkt sich langfristig nicht nur auf die Exporte aus. Umsätze werden zu Investitionsausgaben, Investitionen schaffen Arbeitsplätze, Gewinne sichern die Löhne und steigende Einkommen fördern den Konsum. Die makroökonomischen Daten Taiwans lassen erste Anzeichen dafür erkennen, dass sich der Boom bei den KI-Exporten inzwischen allmählich auf die Binnenwirtschaft auswirkt. Die Nettoexporte waren im zweiten Quartal erneut der wichtigste Wachstumsfaktor, doch auch der private Konsum und die Kapitalinvestitionen leisteten einen bedeutenden Beitrag – eine bemerkenswerte Veränderung gegenüber der Situation vor drei Jahren, als die Investitionstätigkeit rückläufig war. Die rekordhohen Arbeitnehmerverdienste und die gestiegenen Ersparnisse der privaten Haushalte bieten zusätzliches Potenzial, um die Binnennachfrage zu stärken.
Das erste Kapitel in Taiwans KI-Geschichte handelte von den Exporten des Landes. Das zweite könnte sich um die Gewinnen drehen, die diese Exporte im Inland generieren.
Prognosen für das reale BIP-Wachstum und die Inflation

Quelle: Bloomberg-Konsens. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich Schätzungen oder Prognosen als richtig erweisen werden. Wichtige Mitteilungen und Nutzungsbedingungen des Datenanbieters sind verfügbar unter www.franklintempletondatasources.com.
Höhere Renditen von US-Staatsanleihen dürften die Anforderungen der Anleger verändern
Höhere Zinsen führen zu einer niedrigeren Bewertung von Unternehmen, deren erwartetes Wachstum erst in ferner Zukunft liegt. Sie verschärfen jedoch auch die Debatte über künstliche Intelligenz, indem sie die Märkte dazu zwingen, Unternehmen, die lediglich Gewinnversprechen machen, von solchen zu unterscheiden, die bereits durch die Nachfrage nach Infrastruktur Erträge erzielen. Nachdem die Unternehmensgewinne in Taiwan vor drei Jahren um fast 34 % eingebrochen waren, haben sie sich inzwischen kräftig erholt. Diese Dynamik dürfte sich im laufenden Jahr noch verstärken. Aktuelle Konsensschätzungen gehen davon aus, dass der Gewinn je Aktie (EPS) im Jahr 2026 um mehr als 50 % steigen wird.3
Auf den Kursrückgang warten – oder trotz allem weiter investieren?
Während des Abverkaufs im Technologiesektor im Juni ließ die Nachfrage ausländischer Investoren nach Taiwan nach. Im dritten Quartal zog sie jedoch mit starken Zuflüssen wieder deutlich an. Dieses Muster ist auch in den umfassenderen Daten zu den Kapitalflüssen von ETFs erkennbar. Die Nettozuflüsse in international ausgerichtete, in den USA notierte Aktienfonds sanken im zweiten Quartal um mehr als die Hälfte – von 113,5 Mrd. USD im ersten Quartal auf knapp 54 Mrd. USD.4 Im Juli erholten sich die Zuflüsse auf rund 28,1 Mrd. USD. Im August blieben sie mit 23,4 Mrd. USD weiterhin stark und lagen damit deutlich über dem monatlichen Durchschnitt des zweiten Quartals.5
Genau diesen Zusammenhang verdeutlichen auch die ETF-Kapitalflüsse auf Länderebene. Südkorea verzeichnete im zweiten Quartal Abflüsse in Höhe von rund 1,3 Mrd. USD. Im Juli kehrte sich der Trend um und es flossen Mittel in Höhe von 5,04 Mrd. USD zu. Im August blieb der Saldo mit 530 Mio. USD im positiven Bereich. Die Kapitalströme nach Taiwan blieben zwar positiv, schwächten sich im Frühjahr und Frühsommer jedoch ab, bevor sie im Juli und August wieder an Dynamik gewannen. Tatsächlich erreichten die Zuflüsse im August allein nahezu das gesamte Volumen Taiwans im zweiten Quartal, und die Zuflüsse seit Beginn des laufenden Quartals liegen mit 1,2 Mrd. USD bereits mehr als 60 % über dem Gesamtwert des zweiten Quartals.6
Selbstverständlich stellt diese Schwankung kein Handelssignal dar. Sie macht lediglich deutlich, wie rasch sich die Marktstimmung ändern kann, obwohl sich die Position im Industriesektor nicht verändert hat. Es bestehen weiterhin reale Risiken: die zyklische Nachfrage nach Halbleitern, ein stark technologieorientierter Aktienmarkt, Spannungen zwischen China und Taiwan, der Zinsdruck auf die Bewertungen sowie die Möglichkeit, dass die Investitionen in KI tatsächlich zurückgehen.
Abzuwarten, bis jede Ungewissheit ausgeräumt ist, hat jedoch auch seinen Preis: Möglicherweise haben die Märkte die Beilegung der Unsicherheiten schon eingepreist, bevor diese tatsächlich umgesetzt wird. Es besteht Unsicherheit. Das ist eindeutig. Die entscheidendere Frage ist jedoch, ob sich die Gründe für ein Engagement in Taiwan verschlechtert haben. Aus unserer Sicht ist dies nicht der Fall.
Viele US-Anleger sind über Mega-Caps bereits stark im Bereich der künstlichen Intelligenz engagiert. Taiwan kann im Zusammenhang mit KI eher dem physischen Ausbau als der Modellebene zugeordnet werden.
Das spricht auch dafür, den Blick über die einzelnen Chiphersteller hinaus zu richten. Der Technologiesektor macht einen großen Teil des breiten taiwanesischen Aktienmarktes aus, was ein Konzentrationsrisiko mit sich bringt. Die Anlagemöglichkeiten reichen jedoch weit über die größten Unternehmen hinaus. Taiwan verfügt über ein umfassendes Ökosystem, das Chipdesign und -fertigung, fortschrittliche Packaging- und Testverfahren, Elektronikmontage sowie Netzwerk- und Energiemanagementtechnologien umfasst. Zudem haben sich die jüngsten Kursgewinne auf ein breites Spektrum von Technologieunternehmen ausgeweitet. Dies deutet darauf hin, dass der KI-Hardware-Zyklus zunehmend das gesamte Unternehmensökosystem erfasst.
Die Frage ist womöglich gar nicht mehr, ob Anleger den KI-Boom in Taiwan verpasst haben. Vielmehr geht es vielleicht eher darum, ob sie übersehen, was als Nächstes kommt.
Fußnoten
- Quelle: Taiwan Semiconductor Industry Association (TSIA).
- Quelle: Telefonkonferenzen zu den Unternehmensergebnissen von TSMC, Januar und Juli 2026.
- Quellen: Bloomberg, MSCI, Franklin Templeton Global Research Library, August 2026. Basierend auf dem MSCI Taiwan Index. Indizes werden nicht gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge sind in Indizes nicht berücksichtigt. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich Prognosen, Schätzungen oder Hochrechnungen als richtig erweisen.
- Quellen: Morningstar Direct, geschätzte monatliche Nettozuflüsse nach Anteilsklassen für in den USA notierte ETFs, Daten per 31. August 2026. Für die Analyse auf Länderebene umfasst Südkorea EWY, FLKR und MKOR, während Taiwan EWT und FLTW einschließt; gehebelte, inverse und regionale Produkte wurden ausgeschlossen.
- Quelle: Ebd.
- Quelle: Ebd.
WO LIEGEN DIE RISIKEN?
Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Verlusts des Anlagekapitals.
Beteiligungspapiere unterliegen Kursschwankungen und sind mit dem Risiko des Kapitalverlusts verbunden.
ETFs werden wie Aktien gehandelt, schwanken im Marktwert und können zu Kursen über oder unter ihrem Nettoinventarwert gehandelt werden. Brokerprovisionen und ETF-Gebühren schmälern die Renditen. ETFs werden möglicherweise nicht unter allen Marktbedingungen prompt gehandelt und können in Zeiten von Marktstörungen zu erheblichen Abschlägen notieren.
Internationale Anlagen sind mit besonderen Risiken verbunden. Hierzu gehören Währungsschwankungen sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Unsicherheiten, die zu erhöhter Volatilität führen können. Diese Risiken sind in den Schwellenländern noch größer. Anlagen in Unternehmen eines bestimmten Landes oder einer bestimmten Region können einer größeren Volatilität unterliegen als Anlagen, die geografisch breiter gestreut sind.
Investments in China, Hongkong und Taiwan unterliegen speziellen Risiken. Dazu gehören eine geringere Liquidität, Enteignungen, eine konfiskatorische Besteuerung, Spannungen im internationalen Handel, Verstaatlichung sowie Devisenkontrollbestimmungen und eine hohe Inflation. All dies kann negative Auswirkungen auf den Fonds haben. Investitionen in Hongkong und Taiwan könnten wegen der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu China negativen Einflüssen unterliegen.
