AUTOREN

Lutz Morjan, CFA
Senior Vice President, Solutions Portfolio Manager
FTIS European Solutions
Wer langfristig für den Ruhestand spart, hört meist einen einfachen Rat: früh anfangen, breit streuen, Kosten niedrig halten und langfristig investiert bleiben. Das ist grundsätzlich richtig.
Für die Altersvorsorge fehlt jedoch ein wichtiger Punkt: Nicht nur die Höhe der Rendite zählt, sondern auch der Zeitpunkt, zu dem Gewinne und Verluste eintreten.
Besonders kritisch sind die Jahre kurz vor und nach dem Rentenbeginn. In dieser Phase ist das angesparte Vermögen häufig besonders hoch und erste Auszahlungen stehen unmittelbar bevor. Ein starker Markteinbruch kann dann dazu führen, dass im Ruhestand deutlich weniger Geld zur Verfügung steht als geplant – selbst wenn sich die Märkte später wieder vollständig erholen.
Dieser Effekt wird als Sequenzrisiko bezeichnet. Gemeint ist damit: Für die Altersvorsorge kommt es nicht nur darauf an, welche Rendite langfristig erzielt wird. Wichtig ist auch, in welcher Reihenfolge gute und schlechte Börsenjahre auftreten.
Gleiche Renditen, unterschiedliche Ergebnisse
Die Grundidee ist einfach.
Zwei Anleger können über einen langen Zeitraum genau dieselben Jahresrenditen erzielen und trotzdem am Ende sehr unterschiedliche Ergebnisse haben.
Solange kein Geld eingezahlt oder entnommen wird, spielt die Reihenfolge der Renditen für das Endvermögen grundsätzlich keine Rolle. Sobald jedoch – wie in der privaten Altersvorsorge – regelmäßig Geld ein- oder ausgezahlt wird, ändert sich die Rechnung.
Besonders wichtig ist das während der Rentenphase.
Muss ein Anleger nach einem starken Kursrückgang Geld aus seinem Depot entnehmen, verkauft er einen größeren Teil seines Vermögens zu niedrigen Kursen. Dieses Geld ist anschließend nicht mehr investiert und kann von einer späteren Erholung der Märkte nicht mehr profitieren.
Das Depot wird damit gleich doppelt belastet: Es muss laufende Auszahlungen finanzieren und gleichzeitig die vorherigen Verluste wieder aufholen.
Warum die Jahre rund um den Rentenbeginn so wichtig sind
Ein Beispiel macht das deutlich.
Angenommen, zwei Anleger starten ihre Rentenphase jeweils mit 500.000 Euro und entnehmen jedes Jahr 25.000 Euro.
Beide erleben über zwanzig Jahre dieselben guten und schlechten Börsenjahre – allerdings in unterschiedlicher Reihenfolge.
Beim ersten Anleger kommen die guten Jahre am Anfang und die schwächeren später. Beim zweiten ist es genau umgekehrt.
Obwohl beide über den gesamten Zeitraum dieselben Renditen erleben, kann sich ihr Vermögen sehr unterschiedlich entwickeln.
Der zweite Anleger muss bereits zu Beginn seiner Rentenphase Geld aus einem geschrumpften Depot entnehmen. Dadurch bleibt weniger Vermögen übrig, das von einer späteren Markterholung profitieren kann. Im ungünstigsten Fall ist das Vermögen deutlich früher aufgebraucht.
Nicht allein die langfristige Rendite entscheidet also darüber, wie lange das Geld reicht. Wichtig ist auch, wann Gewinne und Verluste auftreten.
Ein Crash kurz vor der Rente wirkt anders als ein Crash mit 40
Besonders groß ist das Sequenzrisiko in den Jahren unmittelbar vor und nach dem Rentenbeginn. Dann ist häufig viel Kapital angespart, während gleichzeitig nur noch wenig Zeit bleibt, Verluste vor Beginn der Auszahlungen wieder auszugleichen.
Ein Anleger, der mit 40 Jahren einen starken Börseneinbruch erlebt, hat in der Regel noch viele Jahre Zeit, um von einer späteren Erholung zu profitieren. Häufig spart er außerdem weiter und kann bei niedrigeren Kursen zusätzliche Anteile kaufen.
Mit 60 oder 65 Jahren sieht die Situation anders aus.
Angenommen, ein Anleger hat 600.000 Euro für seinen Ruhestand angespart. Fünf Jahre vor dem geplanten Rentenbeginn verliert sein noch stark aktienorientiertes Depot 40 Prozent seines Wertes.
Aus 600.000 Euro werden 360.000 Euro. Damit steht zunächst auch deutlich weniger Vermögen zur Verfügung, um die geplanten Auszahlungen zu finanzieren.
Der Verlust allein ist noch nicht das größte Problem. Kritisch wird die Kombination aus hohem Verlust, wenig Zeit zur Erholung und bald beginnenden Auszahlungen.
Muss der Anleger kurze Zeit später regelmäßig Geld entnehmen, geschieht das aus einem deutlich kleineren Vermögen. Gleichzeitig steht weniger Kapital zur Verfügung, das von einer späteren Erholung der Börse profitieren kann.
Dadurch steigt das Risiko, dass das Geld deutlich früher aufgebraucht ist als ursprünglich geplant.
Sparen und Entnehmen sind zwei unterschiedliche Aufgaben
Deshalb sollten Ansparphase und Rentenphase nicht mit derselben unveränderten Anlagestrategie behandelt werden.
Während der Ansparphase fließt normalerweise regelmäßig neues Geld in das Depot. Auch starke Marktrückgänge können zwar unangenehm sein. Wer aber noch viele Jahre bis zum Ruhestand hat, besitzt Zeit für eine mögliche Erholung und kann durch weitere Sparbeiträge sogar zu günstigeren Kursen investieren.
Mit Beginn der Rentenphase ändert sich die Situation.
Jetzt fließt nicht mehr regelmäßig Geld in das Depot, sondern Geld heraus. Werden nach einem Börseneinbruch Anlagen verkauft, stehen diese nicht mehr für eine spätere Erholung zur Verfügung.
Deshalb sind gerade die Jahre rund um den Rentenbeginn besonders wichtig für die Planung der Altersvorsorge.
Die Lösung ist nicht einfach „weniger Aktien“
Eine naheliegende Reaktion wäre, vor dem Rentenbeginn den Aktienanteil stark zu reduzieren.
Das kann das Risiko eines hohen kurzfristigen Verlustes verringern. Es löst das Problem aber nicht vollständig.
Denn der Ruhestand kann zwanzig, dreißig oder sogar mehr Jahre dauern. Wer sein Geld zu vorsichtig anlegt, geht ein anderes Risiko ein: Die Rendite könnte langfristig nicht ausreichen, um Inflation und regelmäßige Auszahlungen auszugleichen.
Es geht deshalb nicht darum, möglichst wenig Risiko einzugehen.
Vielmehr sollte das Risiko zur jeweiligen Phase der Altersvorsorge passen.
In jüngeren Jahren kann ein Anleger größere Schwankungen meist besser verkraften. Je näher der Rentenbeginn rückt, desto wichtiger wird es, das Risiko gezielt zu überprüfen und gegebenenfalls zu reduzieren.
Auch nach dem Rentenbeginn sollte ein Teil des Vermögens weiterhin langfristig angelegt bleiben können. Schließlich muss das Geld möglicherweise noch über viele Jahre reichen.
Vier Möglichkeiten, das Sequenzrisiko zu reduzieren
In der Praxis können verschiedene Maßnahmen miteinander kombiniert werden.
Anlagestrategie mit dem Alter anpassen.
Je näher der Rentenbeginn rückt, desto stärker kann das Depot auf Stabilität ausgerichtet werden. Gleichzeitig sollten langfristige
Wachstumschancen nicht vollständig aufgegeben werden.
Breit streuen.
Nicht nur die Aktienquote ist wichtig. Unterschiedliche Anlageklassen können sich in verschiedenen Marktphasen unterschiedlich entwickeln. Eine breite Streuung kann deshalb helfen, größere Schwankungen des Gesamtvermögens zu begrenzen.
Eine Reserve für Auszahlungen aufbauen.
Ein Teil der geplanten Auszahlungen kann in weniger schwankungsanfälligen Anlagen vorgehalten werden. So müssen langfristige Anlagen nach einem starken Börsenrückgang nicht sofort verkauft werden.
Auszahlungen flexibel gestalten.
Auch die Höhe der Auszahlungen kann Teil der Planung sein. In schwachen Börsenphasen können Entnahmen innerhalb bestimmter Grenzen reduziert werden. In guten Jahren kann dagegen mehr Spielraum bestehen.
Oft ist nicht eine einzelne Maßnahme die beste Lösung. Wichtig ist vielmehr das Zusammenspiel aus Anlage, Risiko und Auszahlungen.
Altersvorsorge braucht einen Plan für den Übergang
Die langfristige Durchschnittsrendite bleibt wichtig für den Aufbau von Vermögen.
Sie allein sagt aber noch nicht, wie robust eine Altersvorsorge tatsächlich ist.
Es kommt auch darauf an, wann Verluste auftreten und wie gut das Depot darauf vorbereitet ist.
Gerade der Übergang vom Sparen zum Entnehmen verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit. Denn in diesem Moment verändert sich die Aufgabe des Vermögens: Es soll nicht mehr nur wachsen, sondern regelmäßig Einkommen für den Ruhestand liefern.
Das Sequenzrisiko zeigt damit auch eine Schwäche statischer ETF-Sparpläne. Eine Strategie, die während der Ansparphase sinnvoll war, muss nicht automatisch auch kurz vor und nach dem Rentenbeginn die richtige sein.
Gute Altersvorsorge endet deshalb nicht mit dem Vermögensaufbau. Sie sollte den Übergang in den Ruhestand frühzeitig mitplanen – lange bevor die ersten Auszahlungen beginnen.
Wo liegen die Risiken?
Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, ein Verlust des Anlagekapitals ist möglich.
Das Anlagekapital ist zu keinem Zeitpunkt garantiert, auch nicht zum oder nach einem angestrebten Ruhestandsdatum. Es gibt keine Garantie dafür, dass bei oder während des Ruhestands ausreichende Erträge erzielt werden.
Die Vermögensallokation auf verschiedene Strategien, Anlageklassen und Investments kann sich als nicht vorteilhaft erweisen und zu anderen als den gewünschten Ergebnissen führen.
ETFs werden wie Aktien gehandelt, schwanken im Marktwert und können zu Kursen über oder unter ihrem Nettoinventarwert gehandelt werden. Brokerprovisionen und ETF-Gebühren schmälern die Renditen.
WF #: 12652108
