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Der Ölschock ist da. Wie stark wird er das makroökonomische Umfeld beeinflussen? Wichtig ist, das Gesamtbild zu betrachten. Der Rohölpreis lag kurzzeitig über 100 US-Dollar pro Barrel, bevor er wieder sank – ein starker Anstieg, aber kein struktureller Schock in der Größenordnung früherer Krisen. Durch den Ölschock der 1970er Jahre stiegen die Ölpreise um etwa das Fünffache. Und als Russland 2022 in die Ukraine einmarschierte, wurde Rohöl der Sorte Brent über einen Zeitraum von mehr als fünf aufeinanderfolgenden Monaten (März bis Juli) zu einem Preis von über 100 US-Dollar gehandelt und erreichte einen Höchststand von über 130 US-Dollar pro Barrel – das entspricht dem heutigen Wert von mehr als 150 US-Dollar. Die derzeitige Situation kann sich natürlich noch verschärfen. Aber ich halte die aktuelle Störung am Ölmarkt für deutlich weniger schwerwiegend, als die Benchmarks vermuten lassen.

Inflation: unerfreulicher Rückenwind

Die Ölpreisentwicklung wird die Verbraucherpreisinflation (VPI) nach oben, aber meiner Ansicht nach nicht in den zweistelligen Bereich treiben. Im Jahr 2022 war die Situation eine grundlegend andere: Die höheren Ölpreise spielten nur eine untergeordnete Rolle – maßgeblich war eine gigantische fiskal- und geldpolitische Expansion, die den deutlichen Wiederanstieg der Nachfrage nach der Corona-Zeit zusätzlich verstärkte. Heute ist der angekündigte fiskalpolitische Impuls zwar beträchtlich, doch er liegt nicht in der damaligen Größenordnung.

Unseren Elastizitätsschätzungen zufolge führt ein um 10 % höherer Ölpreis pro Barrel zu einem Anstieg des Gesamt-Verbraucherpreisindex um etwa 0,20–0,25 Prozentpunkte. Sollte sich der Preis für Rohöl der Sorte Brent bis Mitte des Jahres in der Nähe von 90 US-Dollar pro Barrel, d. h. etwa 30 % über dem Vorkriegsniveau, stabilisieren, würde der Gesamt-VPI schrittweise um 0,60–0,75 Prozentpunkte steigen – genug, um die zugrunde liegende Preisresilienz zu verstärken und die Gesamtinflation bis Jahresende wahrscheinlich auf 3,50 % bis 3,75 % anzuheben. Das ist unerfreulich, aber meiner Meinung nach kein Krisenszenario.

Wachstum: verlangsamt, nicht gestoppt

Höhere Benzinpreise werden unweigerlich die Kaufkraft schwächen und den Konsum der privaten Haushalte dämpfen, aber das wird zumindest teilweise durch die angekündigten fiskalpolitischen Konjunkturmaßnahmen ausgeglichen werden. Was die privaten Investitionen anbelangt, so scheint der durch künstliche Intelligenz (KI) angetriebene Investitionszyklus weiterhin in vollem Gange zu sein, wie die Anleiheemission von Amazon diese Woche verdeutlichte.

Der Anteil der Energieerzeugnisse an den Gesamtausgaben bleibt niedrig

2010-2026

Quellen: BEA, Macrobond. Analyse von Franklin Templeton Fixed Income Research. Stand: 12. März 2026. „WTI“ steht für Rohöl der Sorte West Texas Intermediate. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist weder ein Indikator noch eine Garantie für die zukünftige Wertentwicklung.  

Meine über dem Konsens liegende Prognose von 3,0 % für das Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2026 ist jetzt mit einem gewissen Abwärtsrisiko behaftet. Vor dem Iran-Konflikt habe ich die Wahrscheinlichkeit einer Rezession als vernachlässigbar, praktisch gleich null eingeschätzt. Das ist nun natürlich nicht mehr der Fall, aber ich glaube, dass eine Rezession nach wie vor ein Extremrisiko und kein Basisszenario ist. Das Wachstum könnte sich abschwächen, doch die strukturellen Voraussetzungen für eine Expansion in den USA sind nach meiner Analyse weiterhin gegeben.

Die Kluft zwischen den USA und Europa wird größer

Die USA sind derzeit der weltweit größte Ölproduzent und ein Netto-Energieexporteur – eine strukturelle Position, die sie sich in den letzten zehn Jahren aufgebaut haben. Europa dagegen ist für etwa 60 % seines Energieverbrauchs immer noch von Importen abhängig. Die europäischen Gaspreise haben sich seit Beginn des Iran-Konflikts fast verdoppelt. Das Stagflationsrisiko (schwaches Wachstum in Kombination mit einer hartnäckigen Inflation) ist in Europa erheblich höher als in den USA – eine ähnliche Asymmetrie wie beim Ukraine-Schock im Jahr 2022, als das Wachstum des Euroraums weitaus stärker litt als die US-Wirtschaft.

Gleitender 3-Monats-Durchschnitt in Milliarden US-Dollar

1989-2025

Quellen: USCB, Macrobond. Analyse von Franklin Templeton Fixed Income Research. Stand: 12. März 2026. 

Folgen für die Anleger: vier Beobachtungen

Aus diesem überarbeiteten Ausblick ergeben sich vier Anlageüberlegungen:

  1. Der US-Dollar scheint durch strukturelle Faktoren gestützt zu werden. In den Wochen nach den Zollankündigungen am „Liberation Day“ zu Beginn des Jahres 2025 entwickelte sich das Narrativ, dass die Märkte zu der Devise „Amerika verkaufen“ übergegangen sind. Der Dollar schwächte sich ab und US-Aktien entwickelten sich schlechter als die europäischen Märkte. Es wurde infrage gestellt, ob der Dollar künftig noch als sicherer Hafen wahrgenommen würde. Ich teilte diese Einschätzung damals nicht. Nun hat der Iran-Konflikt das „Amerika-verkaufen“-Narrativ erschüttert und die Aufmerksamkeit der Märkte wieder auf die Energie- und Technologievorteile der USA gelenkt, die ich immer wieder betont habe.
  2. Der Abverkauf von Softwaretiteln bietet selektiven Anlegern Chancen. Die Märkte sagen ein undifferenziertes Ende der Softwarebranche voraus. Die Begründung ist, dass KI ihre Umsatzbasis größtenteils vernichten werde. Ich halte diese Angst für übertrieben. KI wird die Softwarebranche auf den Kopf stellen – aber Disruption ist nicht das Gleiche wie Vernichtung. Im Zuge des derzeitigen Abverkaufs wird nicht unterschieden zwischen Softwareunternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen und solchen, die wirklich Gefahr laufen, ersetzt zu werden. Daraus ergeben sich interessante Anlagemöglichkeiten.
  3. Die Schwellenländer geben ein heterogenes Bild ab. Die Schwellenländer sind eine weitere Anlageklasse, in der ein differenzierter Blick attraktive Chancen offenlegen kann. Im Moment wird die Anlageklasse auf den Prüfstand gestellt, auch weil sie zuvor von einer starken positiven Stimmung profitiert hat. Rohstoffexporteure und Länder mit soliden makroökonomischen Fundamentaldaten dürften sich jedoch als widerstandsfähig erweisen und die aktuellen Turbulenzen vergleichsweise gut überstehen. Ich denke, dass sich hier im Zuge der weiteren Entwicklungen einige interessante Chancen ergeben werden.
  4. Duration erscheint nicht attraktiv. Meiner Analyse zufolge bieten Durationstitel weltweit derzeit keine attraktiven Merkmale. In sämtlichen Industrieländern sind die Haushaltsdefizite und die Schulden bereits zu hoch. Sollte sich das Wirtschaftswachstum infolge des Iran-Konflikts abschwächen, wird die Fiskalpolitik wahrscheinlich noch expansiver werden, sodass die Risikoprämien steigen, während wir mit neuem Inflationsdruck konfrontiert sind.

Fazit

Die Wachstumsaussichten haben sich durch den Iran-Konflikt abgeschwächt – in Europa stärker als in den USA – und die Inflation wird nach oben tendieren. Ich bin weiterhin der Ansicht, dass der Lockerungszyklus der Federal Reserve möglicherweise bereits vorbei ist. Dieser Ansicht liegt die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaftstätigkeit, meine Einschätzung des neutralen Leitzinses und nun zusätzlich der ölbedingte Inflationsschock zugrunde. Der Iran-Konflikt hat die Märkte an wichtige strukturelle Stärken der USA erinnert. Wie lange der Konflikt andauern und ob er sich wesentlich ausweiten wird, lässt sich noch nicht sagen – und diese Ungewissheit erfordert Flexibilität. Aber auf dem aktuellen Niveau und angesichts der heute vorliegenden Fakten deckt sich meine Einschätzung eher mit den Märkten als mit den alarmierenden Schlagzeilen der Medien.



Wichtige Hinweise

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