AUTOREN
Robert O. Abad
Weltweit scheint die Inflation rückläufig und immer mehr Zentralbanken nähern sich dem Ende ihrer Zinsanhebungszyklen. Welche Entwicklung bei globalen Anleihen erwarten Sie in den kommenden sechs bis zwölf Monaten?
Aus unserer Sicht scheint alles bereit für eine Outperformance globaler Anleihen. Zum einen ist der Zeitpunkt, zu dem der Zinszyklus sich stabilisiert oder kurz vor einem Rückgang steht, der beste für Investitionen in den Anleihemarkt eines Landes. Diese Situation besteht bereits in einigen Schwellenländern und dürfte sich in den nächsten Monaten in wichtigen Industrieländern wie den USA, Europa, Großbritannien und Australien einstellen. Weltweit preisen Staatsanleihen diese Entwicklungen immer stärker ein, zumal die neuen Konjunkturdaten auf schwächeres Wachstum hindeuten und die Inflation überraschend sinken könnte (Abbildung 1).
Abbildung 1: Citi Inflation Surprise Index

Quelle: Bloomberg. Stand: 30. Juni 2023. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Sie enthalten keine Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist weder ein Indikator noch eine Garantie für die zukünftige Wertentwicklung.
Zum anderen sollte die Entwicklung des US-Dollar unbedingt berücksichtigt werden. 2022 stieg der Greenback vor allem aufgrund der aggressiven Zinsanhebungskampagne der Fed. Seit seinem Höchststand im September 2022 ließen bessere globale Wachstumsaussichten und eine schrumpfende Zinsdifferenz den USD abwerten. Wir sehen für den US-Dollar kurzfristig eine Seitwärtsbewegung, gehen aber davon aus, dass er langfristig weiter geringfügig abwerten wird, wenn die Weltwirtschaft und die Stimmung sich erholen. In Zeiten deutlicher Schwäche des US-Dollar entwickelten sich Wertpapiere aus anderen Ländern tendenziell gut.
Abbildung 2: US-Dollar-Index (DXY)

Quelle: Bloomberg. Stand: 30. Juni 2023. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Sie enthalten keine Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist weder ein Indikator noch eine Garantie für die zukünftige Wertentwicklung.
Außerdem müssen wir die Bewertungen einbeziehen. Die globalen Anleiherenditen verzeichneten 2022 durch den starken Anstieg der Inflation weltweit und die aggressiven Zinsanhebungen der Zentralbanken einen deutlichen Aufwärtstrend. In einigen Märkten stiegen die Renditen in den letzten Monaten durch idiosynkratische Risiken weiter: Zum Beispiel erfuhren die Renditen britischer Staatsanleihen (Gilts) im September 2022 nach einer Mini-Haushaltskrise einen sprunghaften Anstieg, im Dezember 2022 versetzte eine überraschende Anpassung der Zinskurvensteuerung durch die Bank of Japan japanische Staatsanleihen in Aufruhr und im März/April 2023 entwickelten US-Treasuries mit kurzer Laufzeit eine beispiellose Volatilität nach Turbulenzen bei Regionalbanken und der Furcht vor einer Zahlungsunfähigkeit der USA nach dem Konflikt um die Schuldenobergrenze. Jedes dieser Ereignisse bot Vermögensverwaltern wie Western Asset eine Chance, diese Störungen an den Märkten zu nutzen und in Wertschöpfung für die Anleger umzusetzen. Abbildung 3 zeigt eine Momentaufnahme der attraktiven Ertrags-, Rendite- und Diversifizierungsvorteile, die globale Anleihen derzeit bieten.
Abbildung 3: Momentaufnahme globale Anleihen

Quellen: J.P. Morgan Asset Management; Bloomberg, FactSet; BIS. Stand: 30. Juni 2023.
Die hier gezeigten Anleihesektoren werden von Bloomberg zur Verfügung gestellt und spiegeln, sofern nicht anders angegeben, die Gesamtsummen für die einzelnen Länder wider. Schwellenländeranleihen-Sektoren werden durch den J.P. Morgan EMBIG Diversified Index (USD), den J.P. Morgan GBI EM Global Diversified Index (Lokalwährung) und den J.P. Morgan CEMBI Broad Diversified Index (Unternehmensanleihen) dargestellt. Europäische Unternehmensanleihen werden durch den Bloomberg Euro Aggregate Corporate Index und den Bloomberg Pan-European High Yield Index dargestellt. Die Erträge der Sektoren entsprechen Yield-to-Worst-Renditen. Basis für die Korrelationen sind monatliche Renditen über zehn Jahre für alle Sektoren. Die regionalen Werte für die globalen Anleihemärkte ergeben durch Rundungseffekte unter Umständen nicht 100 %. Indizes werden nicht gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Sie enthalten keine Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist weder ein Indikator noch eine Garantie für die zukünftige Wertentwicklung.
Welche großen Staatsanleihemärkte schätzt Western Asset derzeit als attraktiv ein?
Die nachstehende Auflistung beschreibt unsere Einschätzung für die relative Wertentwicklung nach Weltregion. Weitere Informationen zu den wichtigsten Treibern, die unsere Auffassung stützen, sowie unsere Einschätzung in Bezug auf andere Bereiche der weltweiten Anleihemärkte stehen in unserem 3Q23 Global Outlook zur Verfügung.
Marktzinsen weltweit: Relativer Wert nach Region
+ USA: Die Märkte für US-Anleihen scheinen ein unmittelbar bevorstehendes Ende der geldpolitischen Straffungsmaßnahmen der US-Notenbank vorhergesehen zu haben, sodass es in den vergangenen Wochen zu einem Abverkauf kam, obwohl die Daten scheinbar auf weitere Zinsschritte der Fed hindeuten. Wir sind der Ansicht, dass die langfristigen Renditen in Anbetracht der neuen Gegebenheiten ausreichend gestiegen sind. Ob dem so ist, wird sich jedoch erst im Laufe der Zeit herausstellen.
+/- Kanada: Am vorderen Ende der Zinsstrukturkurve sind nun mögliche Zinsanhebungen der Bank of Canada (BoC) vollständig neu eingepreist. Kanadische Anleihen sind im Vergleich zu ihren US-Pendants nun wieder angemessen bewertet. Der kanadische Dollar hat in letzter Zeit aufgewertet und sich damit seinem Fair Value genähert.
+ UK: Aus unserer Sicht erwarten die Märkte zu viele Zinsanhebungen der Bank of England (BoE), sodass sich britische Staatsanleihen überdurchschnittlich gut entwickeln dürften.
+ Europa: Wir sehen die Gefahr, dass die EZB die geldpolitischen Zügel zu stark straffen könnte. Ein schwächeres Wachstum und eine abnehmende Inflation sollten der EZB die Möglichkeit geben, die Leitzinserhöhungen im zweiten Halbjahr zu beenden. Das wird den Renditen von Anleihen der Eurozone zugutekommen.
+ China: Wir erwarten, dass die PBoC die Leitzinsen auch im dritten Quartal 2023 niedrig hält und danach auf einen normaleren geldpolitischen Kurs umschwenkt.
- Japan: Wir erwarten bei japanischen Staatsanleihen (JGB) höhere Renditen. Falls die Bank of Japan (BoJ) ihre Geldpolitik weiter anpassen sollte, würde die nominale 10-jährige Rendite die Aufwärtsbewegung anführen.
+ Australien: Wir bleiben bei den 10- und 20-jährigen Segmenten der Kurve taktisch positioniert, da wir von weiteren Maßnahmen der Reserve Bank of Australia (RBA) ausgehen.
Welche Industrieländerwährungen bieten vor dem Hintergrund unserer Erwartung eines langfristig schwächeren US-Dollar aus Ihrer Sicht noch Potenzial zur Generierung von Alpha?
Hier unsere Meinung zu vier Währungsmärkten:
- Japanischer Yen (JPY): Wir erwarten eine Aufwertung des JPY. Dabei gehen wir von einem Szenario aus, in dem die neue Führung der BoJ die Geldpolitik überprüft und ihre derzeit zur Verfügung stehenden Maßnahmen über die Änderung im Juli hinaus (die zu höheren JGB-Renditen führte) weiter anpasst, während die Fed ihre Zinsschritte pausiert. Dies würde den JPY gegenüber dem USD stützen. Zudem erwarten wir, dass der JPY von einer zyklischen Erholung profitiert, wenn sich Japan wieder stärker für den Tourismus öffnet.
- Australischer Dollar (AUD): Wir erwarten einen stärkeren AUD. Aus unserer Sicht dürfte der weltweite wirtschaftliche Abschwung, der durch die überall gleichzeitig erheblich gestraffte Geldpolitik verursacht wurde, letztendlich zu einer höheren Risikobereitschaft führen, wenn die Märkte nach vorne blicken und die Misere hinter sich lassen.In diesem Fall wird wahrscheinlich der AUD profitieren und die australische Wirtschaft sich überdurchschnittlich entwickeln, da die Reserve Bank of Australia mit ihren Straffungsmaßnahmen vorsichtiger war.
- Britisches Pfund (GBP): Wir erwarten ein schwächeres GBP. Die Währung hat sich von der Schwäche nach der Mini-Haushaltskrise im September erholt. Dennoch erwarten wir, dass ein gehemmtes Wachstum, Unsicherheit rund um langfristige haushaltspolitische Stützungsmaßnahmen und ein gegenüber anderen Industrieländern zurückhaltenderer Ansatz der Bank of England dem GBP den Wind aus den Segeln nehmen werden. Eine weitere Eskalation in den Beziehungen zur EU ist zwar nicht unser Basisszenario, könnte aber für das GBP zu einer weiteren Schwächung führen.
- Euro: Den Euro schätzen wir neutral ein. Mittelfristig besteht bei einer Verringerung des geopolitischen Risikos durch den Krieg in der Ukraine ein gewisses Wertsteigerungspotenzial, aber eine anhaltende Reduzierung oder gar ein Stopp russischer Energielieferungen könnte zu Rationierungen in der europäischen Wirtschaft führen und birgt Verlustrisiken für das Wachstum und den Euro. Allerdings besteht mit der schwedischen Krone (SEK) eine Möglichkeit, vom Wachstumspotenzial in Europa zu profitieren, denn sie steht oft unter dem Einfluss der europäischen Wirtschaftstätigkeit und der allgemeinen Risikostimmung. Im laufenden Jahr konnte sie davon profitieren. Sollten sich die Wachstumsaussichten verbessern und die Unsicherheit zurückgehen, erwarten wir eine Aufwertung der SEK.
Da sämtliche Anzeichen auf eine lockerere Geldpolitik der Zentralbanken und niedrigere Zinsen hindeuten: Sollten Anleger bei Investitionen in globale Anleihen nicht einfach einen passiven Ansatz wählen?
Nein. Man muss stets bedenken, dass Konjunkturzyklen, Haushaltspolitik und Zentralbankpolitik sich nicht parallel entwickeln. Zwischen den Veränderungen und Bewegungen der absoluten Renditen, den Steigungen und Formen der Kurven von Staatsanleihen innerhalb und auch zwischen Ländern gibt es erhebliche Unterschiede. In den Schwellenländern hat zum Beispiel die mexikanische Zentralbank ihre Zinsschritte ausgesetzt, während die brasilianische Zentralbank scheinbar ihre erste Zinssenkung vorbereitet. In den Industrieländern scheint die Fed am Ende ihres Zinsanhebungszyklus angekommen, während die BoJ ihr derzeitiges geldpolitisches Instrumentarium eventuell weiter anpasst und Zinsen weiter anhebt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Marktteilnehmer ständig nach Katalysatoren suchen, die die Treiber und die Richtung jedes dieser Märkte beeinflussen könnten, was zuweilen plötzliche Volatilität verursacht. Das alles bedeutet, dass Anleger sich gut überlegen müssen, in welche Länder sie investieren und wo auf der Renditekurve des betreffenden Landes sie Duration halten wollen. Aus unserer Sicht ist die beste Möglichkeit ein aktiver Ansatz bei globalen Anleiheinvestitionen, bei der man gleichzeitig versucht, Zeiten hoher Volatilität zu überstehen.
Definitionen:
Die Citigroup Economic Surprise Indices sind objektive und quantitative Messwerte für Wirtschaftsnachrichten. Laut Definition handelt es sich um gewichtete historische Standardabweichungen überraschender Daten (tatsächliche Angaben im Vergleich zum Mittelwert der Bloomberg-Daten). Ein positiver Economic Surprise Index deutet darauf hin, dass Wirtschaftsdaten in der Summe den Konsens übertroffen haben. Die Indizes werden täglich für einen rollierenden Dreimonatszeitraum berechnet. Die Gewichtungen der Konjunkturindikatoren werden aus den relativen Auswirkungen von Datenüberraschungen auf hochfrequente FX-Kassageschäfte abgeleitet. Die Indizes verwenden auch einen Faktor für die Verfallszeit, um die begrenzte Erinnerungsfähigkeit der Märkte zu replizieren.
Der JP Morgan Emerging Market Bond Index Global Diversified (EMBIGD) ist ein einzeln gewichteter Index für auf US-Dollar lautende Staatsanleihen aus Schwellenländern. Er verfügt über ein spezielles Diversifizierungsschema, das eine gleichmäßigere Verteilung der Gewichtungen auf die Länder im Index ermöglicht.
Der JPMorgan Government Bond Index (GBI) Emerging Markets (EM) Local Markets bildet die Wertentwicklung von Staatsanleihen in Lokalwährungen nach.
Kontrolle der Zinskurve („Yield Curve Control“, YCC) bedeutet, dass eine Zentralbank einen längerfristigen Zinssatz anstrebt und hierfür so viele Anleihen kauft oder verkauft, wie für die Erreichung des Zielsatzes erforderlich ist.
Der JP Morgan Corporate Emerging Market Bond Index (CEMBI) Broad Diversified ist ein globaler, liquider Referenzindex für Unternehmensanleihen aus Schwellenländern, der auf USD lautende Anleihen von Unternehmen in Schwellenländern nachbildet.Er verfügt über ein spezielles Diversifizierungsschema, das eine gleichmäßigere Verteilung der Gewichtungen auf die Länder im Index ermöglicht.
Der Bloomberg Euro Aggregate Bond Index umfasst festverzinsliche Investment-Grade-Anleihen in Euro. Der Einschluss in den Index hängt von der Ausgabewährung, nicht aber vom Sitz des Emittenten ab. Die wichtigsten Sektoren im Index sind Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, halbstaatliche und verbriefte Anleihen.
Der Bloomberg Pan-European High Yield Index deckt das Universum der auf Euro oder andere europäische Währungen (außer Schweizer Franken) lautenden festverzinslichen Anleihen unter Investment Grade ab.
Die niedrigste potenzielle Rendite (Yield to Worst, YTW) basiert auf den aktuellen Beständen eines Portfolios an einem bestimmten Tag, versteht sich vor allen Fondskosten und wird unter der Annahme berechnet, dass eine vorzeitige Rückzahlung erfolgt, wenn die Anleihe über Rückkaufs- oder Verkaufsklauseln verfügt und der Emittent angesichts der aktuellen Marktzinsen einen niedrigeren Kupon anbieten kann. Wenn die Marktzinsen höher sind als die aktuelle Rendite einer Anleihe, wird bei der YTW-Berechnung davon ausgegangen, dass keine vorzeitigen Rückzahlungen vorgenommen werden, und die YTW entspricht der Endfälligkeitsrendite (Yield to Maturity, YTM). Die YTW ist die niedrigere Rendite aus Endfälligkeitsrendite und Yield to Call (YTC), falls eine vorzeitige Rückzahlung der Anleihe möglich ist. Die YTW eines Anleihenfonds ist der marktgewichtete Durchschnitt der YTWs aller Anleihen im Portfolio.
WO LIEGEN DIE RISIKEN?
Die Wertentwicklung der Vergangenheit stellt keine Garantie für künftige Ergebnisse dar. Es sei darauf hingewiesen, dass eine direkte Investition in einen Index nicht möglich ist. Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge sind in den Renditen nicht gemanagter Indizes nicht berücksichtigt.
Beteiligungspapiere unterliegen Kursschwankungen und sind mit dem Risiko des Kapitalverlusts verbunden. Festverzinsliche Wertpapiere sind mit Zins-, Kredit-, Inflations- und Wiederanlagerisiken sowie mit dem Risiko eines möglichen Verlusts des Kapitalbetrags verbunden. Wenn die Zinssätze steigen, fällt der Wert von festverzinslichen Wertpapieren. Internationale Anlagen sind mit besonderen Risiken verbunden. Hierzu gehören Währungsschwankungen, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Unsicherheiten, die zu erhöhter Volatilität führen können. Diese Risiken sind in Schwellenländern noch größer. Rohstoffe und Währungen sind mit erhöhten Risiken verbunden, zu denen unter anderem Marktrisiken und politische Risiken, das Regulierungsrisiko sowie Risiken im Zusammenhang mit naturgegebenen Bedingungen gehören, sodass sie unter Umständen nicht für alle Anleger geeignet sind.
US-Staatsanleihen (Treasurys) sind direkte Schuldverschreibungen, die von der US-Regierung begeben und durch ihre uneingeschränkte Kreditwürdigkeit und Steuerhoheit gesichert werden. Die US-Regierung garantiert die Kapital- und Zinszahlungen auf US-Staatsanleihen, wenn die Wertpapiere bis zur Endfälligkeit gehalten werden. Im Gegensatz zu US-Staatsanleihen werden Schuldtitel, die von Bundesbehörden und Gebietskörperschaften begeben werden, sowie damit verbundene Anlagen nicht unbedingt durch die uneingeschränkte Kreditwürdigkeit und Steuerhoheit der US-Regierung gesichert. Selbst wenn die US-Regierung die Kapital- und Zinszahlungen auf Wertpapiere garantiert, betrifft diese Garantie keine Verluste, die auf einen Rückgang des Marktwerts dieser Wertpapiere zurückzuführen sind.
