Smart Beta: Ein Rezept für RisikomanagementSep 2, 2017

FACHARTIKEL

Smart Beta: Ein Rezept für Risikomanagement

Börsennotierte Fonds (ETFs) haben sich etabliert und werden heute in vielen Varianten angeboten. Anbieter behaupten, dass ETFs, die nach Marktkapitalisierung gewichtete Indizes nachbilden sollen, auf effiziente Weise ein breit angelegtes Engagement im Markt verschaffen können. Patrick O’Connor, unser Leiter der globalen ETFs, vertritt jedoch den Standpunkt, dass viele Anleger womöglich nicht genau verstehen, was sie mit diesen Anlageinstrumenten tatsächlich erhalten. In diesem Blog geht O’Connor auf potenzielle Risiken ein, die er in nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes sieht, und wie Smart-Beta-ETFs ein Rezept für den Umgang mit ihnen bieten.

 

Patrick O’Connor

Head of Global ETFs

Franklin Templeton Investments

 

Börsennotierte Fonds (ETFs) werden immer beliebter und es gibt derzeit unzählige ETFs, die sich an nach Kapitalisierung gewichteten Indizes orientieren und die meisten Marktsegmente abdecken. Die ersten index-basierten Fonds, die Anlegern angeboten wurden, konzentrierten sich auf allgemein anerkannte Indizes wie den S&P 500 Index. Nachdem sie immer beliebter wurden, folgten weitere ETFs, die sich an anderen, nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes orientierten. Mit ihnen konnten Anleger auf transparente Weise ein breit angelegtes Engagement im Markt über ganztägig gehandelte Angebote eingehen. Aber verstehen die meisten Anleger eigentlich, welche Engagements sie im Portfolio halten, wenn sie in ETFs anlegen, die sich an nach Kapitalisierung gewichteten Indizes orientieren? Ich vermute, dass dies nicht der Fall ist. Es gibt einige potenzielle Risiken, die Anleger in diesen Fonds womöglich übersehen haben.

Risiken in Verbindung mit der Gewichtung

Das erste Risiko hängt mit der starken Gewichtung der größten Unternehmen zusammen, die in nach Kapitalisierung gewichteten Indizes tendenziell enthalten ist. Diese Indizes gewichten Aktien auf der Basis der gesamten Marktkapitalisierung der einzelnen Titel. Daher entfällt der größte Anteil eines Index auf die Unternehmen mit den höchsten Aktienkursen.

So entfallen, gemessen an der Marktkapitalisierung, 26 % des MSCI All Country World Index auf lediglich 2 % der Indexbestandteile.1 Das ist viel, wenn man lediglich in 50 der 2501 Unternehmen anlegt, die den Index bilden.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass nach Kapitalisierung gewichtete Indizes auch ihre Allokationen in Aktien erhöhen, deren Kurs steigt, und ihre Allokationen in Titeln abbaut, deren Kurs fällt – ohne Rücksicht darauf, ob die Aktien über- oder unterbewertet sind. Dies könnte zu erhöhten Konzentrationen bei überbewerteten Titeln führen.

Dies leitet zum nächsten potenziellen Risiko über: dem Risiko, dass die größten Unternehmen im MSCI AC World Index außerdem dazu neigen, im Vergleich mit ihrem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) über 10 Jahre überbewertet zu werden.  Laut unserem Research, das diese Bewertungskennzahlen berücksichtigt, waren 70 % der größten Bestandteile im MSCI AC World Index zum 30. Juni 2017 überbewertet.2

Warum ist das wichtig? Da der Kurs überbewerteter Aktien zwangsläufig fallen könnte, leidet darunter die Performance des gesamten Portfolios, wenn die Kurse der Titel, die den größten Anteil eines Index ausmachen, fallen.


Geografische Risiken

Einige Anleger entscheiden sich für einen ETF, der einen nach Kapitalisierung gewichteten Index nachbildet, für ihr Investment in Schwellenmärkten. Womöglich gehen sie fälschlicherweise davon aus, dass sie auf diesem Weg ein relativ geringes Risiko mit ihrem Investment in eigentlich eher volatilien Aktien eingehen. Die folgende Grafik bietet einen Blick auf den MSCI Emerging Markets Index. Er besteht aus Aktien in 24 Schwellenmärkten auf der ganzen Welt. Wenn Sie sich die Basiswerte etwas näher anschauen, erkennen Sie, dass derzeit mehr als die Hälfte der Indexgewichtung auf Aktien aus lediglich drei Ländern entfällt – China, Taiwan und Südkorea – und dass alle drei Länder in Asien liegen. Wenn in einem dieser Länder eine volkswirtschaftliche Krise eintritt, dürfte eine große Anzahl Aktien darunter leiden und das Gesamtportfolio eines Anlegers würde vermutlich folgen.

 

Risiko in Verbindung mit einem einzigen Sektor

Was könnte schließlich passieren, wenn ein nach Kapitalisierung gewichteter Index in einem einzigen Sektor übergewichtet wird? Wir können untersuchen, wie sich der MSCI AC World Index in den Jahren bis zum Crash im Technologiesektor Anfang der 2000er Jahre verändert hat. Bevor die Kurse von Technologie-Aktien Mitte der 1990er Jahre stiegen, entfielen rund 8 % des Index auf Technologie-Titel.3 In den drei Jahren zwischen 1997 und 2000 stiegen die Kurse im Technologiesektor um mehr als 300 %, während der Gesamtindex um mehr als 100 % zulegte.

Das hört sich doch gut an, oder? Anfang 2000 hatte sich der Anteil an den Allokationen im Technologiesektor auf nahezu 21 % aufgebläht. Wir alle wissen, was danach geschah. Die Tech-Blase platzte und der Sektor verlor über 58 % seines Wertes in nur zwei Jahren.3 Die Frage ist: Wie wirkte sich dies auf den Gesamtindex aus? Die Antwort lautet: Nicht wirklich gut. Da der Technologiesektor knapp 35 % des Index ausmachte, zog die Implosion dieses Sektors die Performance des Gesamtindex nach unten. Als in den Jahren 2000-2001 die Tech-Blase platzte, erlitten Anleger in einem Portfolio, das den MSCI AC World nachbildete, einen Verlust von nahezu 27 %.

Die im MSCI AC World Index (oder in einem anderen, nach Kapitalisierung gewichteten Index) vertretenen Aktien entwickeln im Laufe der Zeit ähnglich wie die Marktkapitalisierung verschiedener Unternehmen steigt oder fällt.

In Zeiten großen Wandels können sich die im Index vertretenen Unternehmen sehr ändern. So kamen in der Zeit zwischen 1999 und 2003 (als die Technologieblase platzte) 1288 Titel neu in den Index und 1441 fielen heraus. Dies ist ein recht hoher Umschlag in einem relativ kurzen Zeitraum. Noch mehr Erleuchtung bringt ein Blick auf die Liste der Aktien, die zwischen 2001 und 2003 den Index verließen. 19% dieser Aktien war zwischen 1999 und 2001 in den Index aufgenommen worden! Sie mögen sich fragen, warum diese Titel überhaupt zum Index gehörten. Nun, sie „gehörten“ in den Index, weil genau auf diese Weise nach Kapitalisierung gewichtete Indizes funktionieren: Sie nehmen Aktien auf oder schließen sie aus, ohne Rücksicht auf ihren Sektor, ihre Gewichtung im Portfolio oder ihre Bewertung.

Setzen Sie auf Smart Beta

Nach unserer Meinung gibt es eine bessere Methode, einen Index zu konstruieren. Schauen wir uns eine Möglichkeit an, die gelegentlich als „Smart Beta“ oder „Factor Investing“ bezeichnet wird. Smart Beta steht für eine Alternativ mit zahlreichen unterschiedlichen Ansätzen zu Indizes, die nach Marktkapitalisierung gewichtet sind.

Smart Beta beruht auf einer regelbasierten Methode.

  • Wie nach Kapitalisierung gewichtete Indizes folgen Smart-Beta-Indizes im Voraus festgelegten Regeln für die Kriterien, nach denen eine Aktie in einen Index aufgenommen wird. In diesem Sinne unterscheiden sie sich von einer traditionellen, aktiven Verwaltung, bei der das Portfoliomanagement individuell über den Kauf und Verkauf von Aktien entscheidet.
  • Anders als nach Kapitalisierung gewichtete Indizes streben Smart-Beta-Indizes an, spezifische „Faktoren“ oder Marktineffizienzen bei der Anlage zu erfassen.
  • Smart-Beta-Indizes folgen anderen Regeln als nach Kapitalisierung gewichtete Indizes.
  • Smart-Beta-Portfolios streben dann die Nachbildung eines spezifischen Index an.

 

Es gibt viele verschiedene „Geschmacksrichtungen“ bei Smart Beta.

  • Der einfachste Smart-Beta-Index enthält alle Basiswerte in gleicher Gewichtung. Der Unterschied besteht darin, dass jeder Titel denselben Anteil am Index hat, anders als der MSCI EAFE Index, der Aktien entsprechend ihrer Marktkapitalisierung enthält.
  • Einige Smart-Beta-Indizes konzentrieren sich auf einen einzelnen Faktor. Diese Indizes sollen nur solche Aktien enthalten, die, an einem bestimmten Faktor gemessen, gute Noten erhalten.
  • Einige Smart-Beta-Indizes kombinieren mehrere Faktoren in einem einzigen Index.

Was meinen wir nun mit „Faktoren“? Einen „Faktor“ können wir uns als DNA-Marker des Aktienverhaltens vorstellen. Er ist ein Hauptmerkmal einer Anlage, das die Entwicklung einer Aktie über einen längeren Zeitraum erklärt.

So wie Ihre DNA bestimmt, ob Sie blaue oder braune Augen haben, erklären die Faktoren, wie Aktien auf Marktentwicklungen reagieren.

Aktien können auf Basis ihrer gemeinsamen Hauptfaktoren gruppiert werden. Einige Faktoren haben Anlegern langfristig positive Renditen – eine sogenannte „Renditeprämie“ – über die Marktindizes hinaus verschafft, während andere Faktoren enger mit Aktienrisiken verbunden waren.

Dieses DNA-Molekül enthält vier Faktoren, die häufig verwendet werden, um die Wertentwicklung von Aktien zu verstehen:

  • Qualität
  • Wert
  • Momentum
  • Volatilität

Einige Anleger neigen womöglich dazu, einen oder zwei Faktoren für ihre Anlage zu wählen, aber auch dieser Ansatz kann mit Höhen und Tiefen verbunden sein. Qualitäts-, Wert-, Momentum-Aktien oder Titel mit niedriger Volatilität lagen an sich in oder außerhalb der Gunst, je nach den konjunkturellen Schwankungen. So war 2007 beispielsweise das Momentum der Faktor mit der besten Wertentwicklung. Im Jahr 2008 war er hingegen der Faktor mit der schlechtesten Performance, als die globale Finanzkrise zuschlug. Diese Performanceschwankungen können viele Anleger beunruhigen und sie zum Verkauf veranlassen. Dabei verpassen sie ein Wiederanziehen der Performance. Schließlich steigert das Kaufen und Verkaufen einzelner faktor-orientierter Anlagen die Kosten.

Das Kombinieren mehrer Faktoren kann beim Umgang mit den Herausforderungen einer an einem einzigen Faktor orientierten Anlage hilfreich sein. Zunächst macht es die Notwendigkeit eines Timings von Faktoren überflüssig, kann Transaktionskosten senken und – dank der Diversifizierung über mehrere Faktoren – als Kernbestandteil eines Depots verwendet werden.

Anschließend stellt sich die Frage, welches Gewicht jedem Faktor zukommen soll. Die einfachste Möglichkeit wäre, die Faktoren gleichmäßig zu gewichten. Allerdings berücksichtigt dieser Ansatz nicht die relative Bedeutung der einzelnen Faktoren als Treiber für die langfristige Wertentwicklung.

Da wir bei Franklin Templeton die Titel nach fundamentalen Aspekten auswählen, sind wir der Meinung, dass die Gewichtung von Faktoren auf einer wirtschaftlichen Logik basieren sollten. Qualität und Wert spiegeln am besten die wirtschaftlich begründeten Fundamentaldaten wider. Daher sollten sie nach unserer Ansicht stärker betont werden, während Momentum und niedrige Volatilität bei der Faktorgewichtung weniger Einfluss haben sollten. Diese Art eines strategisch gewichteten Multi-Faktor-Ansatzes kann auf spezifische Portfolioengagements ausgerichtet werden und zu einem attraktiven Kernbestandteil eines Portfolios werden.4

Zusammenfassend sei gesagt, dass Smart-Beta-Portfolios nach unserer Meinung dazu beitragen können, den Ansprüchen von Anlegern gerecht zu werden, die Alternativen zu traditionellen, nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes wünschen. Anleger können auf verschiedene Weise Smart Beta für sich in ihren Depots arbeiten lassen. Wir ermuntern Privatanleger, fachlichen Rat einzuholen, um zu erfahren, wie sie Indexfonds, die sich an nach Kapitalisierung gewichteten orientieren, ersetzen oder ergänzen können.

 

Die Kommentare, Meinungen und Analysen von Patrick O’Connor dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.