Index-orientiertes Anlegen und die Entwicklung von FaktorenSep 4, 2017

FACHARTIKEL

Index-orientiertes Anlegen und die Entwicklung von Faktoren

Jedes Finanzportal bietet zentrale Kennzahlen, um die Wertentwicklung globaler Aktien rund um die Welt auf einen Blick zu beobachten – in der Form von Aktienindizes. Mit der Entwicklung von Indizes entstanden neue Handelsmethoden für den Markt, darunter die börsennotierten Fonds (ETFs). Patrick O’Connor, unser Leiter für globale ETFs, fasst hier die Geschichte der index-orientierten Anlage und die Entwicklung der faktor-orientierten Anlage zusammen, die zu den heute angebotenen Smart-Beta-ETFs geführt hat.

Patrick O’Connor

Head of Global ETFs

Franklin Templeton Investments

Bei der Entwicklung des index-orientierten Anlegens stelle ich mir gern eine darwinistische Evolution vor, vom Konzept des ersten Aktienindex bis zu den spannenden und innovativen neuen Produkten von heute in diesem Bereich. Im Jahr 1896 entwickelte Charles Dow, Herausgeber des Wall Street Journal und Mitgründer von Dow Jones & Company, den ersten Aktienindex: den Dow Jones Industrial Average (DJIA). Dabei ging es grob gesagt um ein Instrument, um die Meinung Charles Dows mithilfe eines Korbs handverlesener Aktien nachzubilden. Aus der ursprünglichen Liste von 12 Titeln ist heute nur noch ein Unternehmen unter demselben Namen im DJIA enthalten. (Als Tipp: Es ist gut möglich, dass Sie eines seiner Geräte besitzen.)

In den 1990er Jahren, fast ein Jahrhundert später, kamen die ersten börsennotierten Fonds (ETFs) in den USA auf den Markt. Heute sind allein in den USA mehr als 2 Billionen US-Dollar in diesen Instrumenten angelegt.1

Als ich 1999 begann, im Portfolio-Management zu arbeiten, waren ETFs nicht so allgegenwärtig wie heute und für einzelne Anleger war es noch sehr teuer, einen Aktienkorb zusammenzustellen. US-Aktien waren einfach zu bekommen, aber bei einem Korb internationaler Aktien oder Rohstoffe sah es schon anders aus. Die Gewichtung nach Marktkapitalisierung bot einige Vorteile: wir konnten in Gebieten anlegen, zu denen wir keinen Zugang hatten. Andererseits enthielten sie Herausforderungen und Risiken.

Die ETFs waren der nächste Schritt in der Produktbündelung; sie bildeten aber immer noch einen nach Kapitalisierung gewichteten Index nach. Andererseits wurde durch ETFs das an nach Kapitalisierung gewichteten Indizes orientierte Anlegen sehr beliebt und es entstanden immer mehr Indizes. Das faktor-basierte Anlegen oder Smart-Beta-Investing kam erstmals im Jahr 2003 in der Form von ETFs auf den Markt. Eigentlich war das Konzept des „Smart Beta“ nicht neu. In institutionellen Depots wurde es bereits seit einiger Zeit verwendet. Aber erst seit jüngerer Zeit stehen diese Arten von Anlagestrategien für Privatanleger zur Verfügung.


Die Evolution der Faktoren

Einen „Faktor“ kann man sich als DNA-Marker des Aktienverhaltens vorstellen. Er ist ein Hauptmerkmal einer Anlage, das die Entwicklung einer Aktie über einen längeren Zeitraum erklärt. So wie Ihre DNA bestimmt, ob Sie blaue oder braune Augen haben, erklären die Faktoren, wie Aktien tendenziell auf Marktentwicklungen reagiert haben. Unser Wissen über Faktoren geht mehrere Jahrzehnte zurück. Es beginnt in den 1930er Jahren mit Benjamin Graham und David Dodd. Sie erkannten als erste, wie hochwertigere Unternehmen zu einer guten Wertentwicklung neigten und wie Aktien mit niedrigeren Kurs-Buchwert- und Kurs-Gewinn-Verhältnissen2 dazu tendierten, sich besser als wachstumsorientierte Titel zu entwickeln. Seitdem hat es viele andere Beiträge zum Verständnis von Faktoren gegeben.

Nach unserer Meinung werden vier Faktoren als die maßgeblichsten DNA-Marker für das Verständnis der Performance von Aktien verwendet: Qualität, Wert, Momentum und Volatilität. Schauen wir uns die Faktoren und die Art und Weise, wie wir sie messen, genauer an.

(Hohe) Qualität: Wie Graham und Dodd erkannten, ist die Qualität ein Haupttreiber für die Wertentwicklung einer Aktie. Unserer Meinung nach soll der beste Maßstab für Unternehmensqualität diejenigen Unternehmen mit mehreren Merkmalen aufdecken, insbesondere Ertragskraft, Bilanzstärke und effiziente Nutzung der Betriebsmittel.

(Attraktiver) Wert: Durch die Anlage in attraktiv bewertete Aktien (Value-Anlage) wollen Anleger von möglichen Kursgewinnen niedrig bewerteter Aktien profitieren. Beim Messen des Wertes ist es unserer Ansicht nach wichtig, Unternehmen mit attraktiven Bewertungskennzahlen im Rückblick und in der Vorausschau (Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Cashflow-Verhältnis) sowie Dividendenrendite zu erkennen.

(Starkes) Momentum: Viele Anleger sind auf der Suche nach Aktien mit einem starken Momentum, um Wertfallen zu vermeiden. Als solche gelten Unternehmen, die zu niedrigen Kennzahlen gehandelt werden, jedoch wenig Potenzial für die Zukunft bieten. Wir messen das Momentum, indem wir nach Unternehmen suchen, die eine relative Preisstärke über 6 bis 12 Monate aufweisen.

(Niedrige) Volatilität: Einige Anleger suchen nach Titeln mit niedriger Volatilität, um sich gegen mögliche Marktflauten zu schützen. Aktien, die unterdurchschnittliche Ergebnisschwankungen ausweisen, werden häufig als „Titel mit niedriger Volatilität“ bezeichnet.

Aktien können auf Basis ihrer gemeinsamen Hauptfaktoren gruppiert werden. Einige Faktoren haben Anlegern langfristig positive Renditen – eine sogenannte „Renditeprämie“ – über die Marktindizes hinaus verschafft, während andere Faktoren enger mit Aktienrisiken verbunden waren.

Einige Anleger neigen womöglich dazu, einen oder zwei Faktoren für ihre Anlage zu wählen, aber auch dieser Ansatz kann mit Höhen und Tiefen verbunden sein.

Qualitäts-, Wert-, Momentum-Aktien oder Titel mit niedriger Volatilität lagen an sich in oder außerhalb der Gunst, je nach den konjunkturellen Schwankungen. So war 2007 beispielsweise das Momentum der Faktor mit der besten Wertentwicklung, in einer Zeit starker Aktienmärkte. Im Jahr 2008 war er hingegen der Faktor mit der schlechtesten Performance, als die globale Finanzkrise zuschlug.3 Diese Performanceschwankungen können viele Anleger beunruhigen und sie zum Verkauf veranlassen. Dabei verpassen sie womöglich ein Wiederanziehen der Performance.

Schauen wir uns nun die Möglichkeiten einer Anlage in Smart-Beta-ETFs an. Sie könnten in einzelne Faktoren investieren. Dieser Ansatz würde die Möglichkeit bieten, potenzielle Risikoprämien mitzunehmen. Einige Anleger verwenden sie auch, um das Gewicht spezifischer Faktoren in einem Depot zu erhöhen. Allerdings steigen und sinken die Faktoren in der Gunst der Anleger und die Vorhersage, welcher Faktor als nächster in der Gunst liegen wird, könnte sich als schwierig erweisen. Das Auf und Ab einzelner Faktoren könnte zudem Anleger zum Verkauf veranlassen, sodass sie die Performance beim Wiederanstieg verpassen. Schließlich erhöht das Kaufen und Verkaufen einzelner faktor-orientierter Anlagen die Kosten.

Schauen wir uns eine andere Möglichkeit an. Ein Anleger könnte in ein Multi-Faktor-Portfolio anlegen das gleichmäßig über alle Faktoren diversifiziert ist – ein Ansatz mit einigen potenziellen Vorteilen:

  • Es könnte als Kernbestandteil eines über mehrere Faktoren diverzifizierten Portfolios dienen
  • Ein Timing der Faktoren muss nicht unbedingt angestrebt werden
  • Es kann niedrigere Transaktionskosten bieten

Allerdings berücksichtigt dieser Ansatz nicht die relative Bedeutung der einzelnen Faktoren als Treiber für die langfristige Wertentwicklung der Aktie.

Schauen wir uns eine dritte Möglichkeit an. Ein strategisch gewichtetes Multifaktor-Portfolio bietet mehrere Eigenschaften:

  • Es berücksichtigt die Rolle der einzelnen Faktoren als Treiber für die langfristigen Anlagerenditen
  • Es erlaubt der Anlageverwaltung, sich auf bestimmte Portfolio-Engagements zu konzentrieren
  • Die strategische Diversifizierung könnte zu einem attraktiven Kerndepot beitragen

Die ersten Smart-Beta-ETFs bildeten Einzelfaktor-Indizes nach. Diese Portfolios waren in einem bestimmten Rahmen nützlich, aber sie boten nicht die Diversifizierung, die viele Anleger heute anstreben. Vor etwa zwei Jahren wurden dann die ersten gleichmäßig gewichteten Multifaktor-ETFs aufgelegt. Diese Portfolios boten eine Faktor-Diversifizierung, berücksichtigten jedoch nicht die relative Bedeutung einzelner Faktoren. Die neueste Generation von Multifaktor-Smart-Beta-ETFs gewichten die Faktoren strategisch und streben damit bessere Anlageergebnisse an als gleichmäßig gewichtete Multifaktor-ETFs. Unserer Meinung nach stellen diese ETFs einen wichtigen Schritt in der Evolution der an Smart Beta orientierten Anlage dar.

Bei Franklin Templeton sind wir der Meinung, dass Faktorgewichtungen auf einer wirtschaftlichen Logik basieren sollten, die am besten durch Qualität und Wert dargestellt wird. Ein Engagement in Momentum könnte helfen, Anlagetrends aufzudecken und Wertfallen zu vermeiden, während ein Engagement in Volatilität zum Schutz gegen Marktflauten beitragen könnte.

Sicherlich besteht weiterer Untersuchungsbedarf, jedoch ist dies unserer Meinung nach eine interessante Phase im ETF-Bereich und das Wachstum sowie die Evolution von Smart-Beta-Lösungen dürften anhalten.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen von Patrick O’Connor dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.