Meine Gedanken zur aktuellen Lage: Nanu! Noch eine quantitative Lockerung

Befasst sich die Fed erneut mit quantitativer Lockerung? Dr. Sonal Desai, unser CIO für festverzinsliche Wertpapiere, behandelt die Auswirkungen der „permanent losen“ Politik.

Die US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) hat ihre Bilanz seit September um etwa 400 Mrd. USD vergrößert. Dadurch wurde mehr als die Hälfte der Schrumpfung der Bilanz (etwa 700 Milliarden USD) umgekehrt, mit der die Fed im Oktober 2017 begonnen hatte.1 Eine steigende Anzahl an Analysten und Anlegern haben daraus geschlussfolgert, dass die Fed erneut eine quantitative Lockerung durchführt.

Die Fed verneint dies. Da Fakten und Zahlen nicht in Frage gestellt werden, ist es relevant, wie wir es nennen? Wie ich unten darlege, ist es größtenteils eine Frage der Semantik, ob wir es quantitative Lockerung nennen oder nicht. Es hat allerdings Auswirkungen und zeigt uns Wesentliches über die Prioritäten der Fed – und es ist aus Anlegersicht wichtig.

Eine kurze Geschichte des Stresses

Letzten September erlitten die Repo-Märkte2 einen kurzfristigen Einbruch, der von einer plötzlichen Liquiditätsknappheit ausgelöst worden war, wodurch die Repo-Sätze anstiegen und der Leitzins der Fed (der Fed Funds Rate) kurz über seinem Zielbereich lag.

Das verursachte Gänsehaut bei den Anlegern: Ein ähnlicher Vorfall während der globalen Finanzkrise vor knapp einem Jahrzehnt reflektierte das angekratzte Vertrauen in das Finanzsystem: die Banken sahen sich einer plötzlich erhöhten Unsicherheit in Bezug auf den Wert einer breiten Palette von Anlagewerten und das Kontrahentenrisiko gegenüber. Sie reagierten, indem sie Liquidität anhäuften.

Letzten Herbst lagen die Dinge anders. Die Liquiditätsknappheit wurde durch ein Zusammenspiel verschiedener technischer Faktoren verstärkt. Erstens waren große vierteljährliche Körperschaftsteuerzahlungen eine wichtige Stressursache, da die Unternehmen ihre Bankguthaben aufbrauchten, um Zahlungen an die US-Steuerbehörde zu leisten. Dadurch wurden die Reserven im Bankensystem mechanisch reduziert, während die Bilanz auf dem Hauptkonto der Finanzverwaltung stieg. Zweitens benötigten Nichtbanken (Primärhändler) zusätzliche Finanzierung für die Abrechnung von Kupons des Schatzamtes.

Die Bankreserven waren bereits stetig von etwa 2,2 Billionen USD zum Jahresende 2017 auf etwa 1,4 bis 1,5 Billionen USD in der ersten Jahreshälfte 2019 gesunken.3 Dies wurde teilweise durch die schrumpfende Bilanz der Fed verstärkt, reflektiert aber auch die Umschichtung liquider Mittel durch die Banken in die Kreditvergabe und den Kauf von Wertpapieren.

Fußnoten

  1. Quelle: US Federal Reserve. Stand: 31. Dezember 2019.

  2. Der Repo-Markt bezieht sich auf Pensionsgeschäfte, eine Art von kurzfristigen Krediten für Staatsanleihen-Broker.

  3. Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis. Rezessionsphasen wie vom National Bureau of Economic Research angegeben. Stand: 31. Dezember 2019.